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Die «Bildungsschmarotzer»

 Augustin (Austria) Donnerstag, 13. Mai 2010

Seit Mitte Oktober halten Studierende der Universität Wien, der größten in Österreich, das Audimax besetzt, um gegen unhaltbare Studienbedingungen zu protestieren. (887 Wörter) - Von Jörg Wimalasena

Augustin

It’s fine that the German capital owns a street in Vienna. German students can express their sympathy in the Viennese university walkout as the street signs have become messages of solidarity. (Photo courtesy of Jörg Wimalasena)

Ab Mitte Oktober 2009 hielten Studierende der Universität Wien, der größten in Österreich, für 61 Tage das Audimax besetzt, um gegen unhaltbare Studienbedingungen zu protestieren. Unterfinanzierung der Universitäten, verpflichtende Studieneingangsphasen, die Reduktion studentischer Mitwirkung in den Gremien der Universitäten und geplante Zugangsbeschränkungen sind nur einige Merkmale der von den Studierenden in Frage gestellten Hochschul-Politik. Der Rektor der Universität Innsbruck sowie Medien wie die Kronenzeitung haben jedoch den vermeintlich wahren Schuldigen der Bildungsmisere gefunden: die deutschen StudentInnen.

"Deutsche Studenten überrennen österreichische Universitäten", so und ähnlich lauteten in den vergangenen Tagen und Wochen Schlagzeilen der Boulevard-Zeitungen. Da sich in diesem Jahr nach Auffassung von Karlheinz Töchterle, dem Rektor der Universität Innsbruck, zu viele deutsche Studenten an seiner Uni inskribiert haben, verlangt er Ausgleichszahlungen von Deutschland. Töchterle ist nur einer von vielen, der seine Abneigung gegenüber dem Ansturm der Studierenden aus dem Nachbarland formuliert. Die "Piefkes" sollen aufrechten ÖsterreicherInnen nicht mehr länger die raren Studienplätze wegnehmen.

Warum ziehen deutsche Studierende nach Österreich? Deutsche sind in Österreich immer willkommen gewesen. Solange sie ihr Geld zu Wiens Touristenattraktionen oder in die Skigebiete Österreichs trugen, waren sie gern gesehene Gäste. Dass zunehmend deutsche Studenten österreichische Universitäten besuchen, um den selektiven Tendenzen des deutschen Bildungssystems zu entgehen, ist den Entscheidungsträgern und den reaktionären Medien ein Dorn im Auge. Die Gründe liegen auf der Hand. In Deutschland müssen Studierende teilweise mehrere hundert Euro für Studiengebühren berappen. Selbst wenn sie sich diese, den Hochschulzugang erschwerende Gebühren leisten können, finden sie häufig nicht einmal einen Studienplatz. In begehrten Studienfächern wie Medizin oder Psychologie übersteigt die Nachfrage nach Studienplätzen bei weitem das Angebot, weil die deutsche Bildungspolitik beschlossen hat, nur eine Handvoll MedizinerInnen auszubilden. Anstatt die Bildungsetats zu erhöhen und so mehr jungen Menschen den Zugang zu Hochschulbildung zu ermöglichen, wurde der so genannte Numerus clausus eingeführt. Die Studienplätze werden fast ausschließlich nach den Noten der Matura vergeben. Nur den Besten der Besten soll die Möglichkeit gegeben werden, das Studienfach ihrer Wahl zu studieren.

Selektionsmaschinerie ist ersatzlos abzuschaffen!

Wer eine schlechtere Abiturnote als 1,3 vorzuweisen hat, kann beispielsweise nicht Medizin studieren oder muss bis zu fünf Jahren auf seinen Studienplatz warten. Jungen, motivierten, potenziellen MedizinerInnen wird das Studium im schlechtesten Fall vorenthalten, wenn sie nur eine einzige Note schlechter als "sehr gut" auf ihrem Maturazeugnis stehen haben. Die Frage, ob Noten generell oder auch Noten in Fächern, die für das Studium unwichtig sind, überhaupt eine Aussagekraft über die "Eignung" für das spezifische Studium haben, wird nicht gestellt. Die Selektionsmaschinerie kennt keine Einzelfälle. Unter diesen Umständen kann man es jungen, bildungshungrigen Menschen wohl kaum verübeln, dass sie ihr Glück im Ausland versuchen. Sie strömen nach Polen, ins Baltikum, in die Niederlande und eben auch nach Österreich, um ihr Recht auf Bildung wahrzunehmen.

Diese StudentInnen werden jetzt instrumentalisiert, um einen Sündenbock für die Missstände in Österreichs Bildungssystem zu präsentieren. Den protestierenden Studis im Audimax soll allen Ernstes verkauft werden, dass nicht die grauenhafte Bildungspolitik der schwarz-roten Bundesregierung und vor allem Minister Hahns dafür verantwortlich ist, sondern die deutschen Studierenden es sind. Glücklicherweise lässt sich zumindest der Teil der StudentInnen, die durch die Besetzung nahezu aller Universitäten Österreichs versuchen, die Studiensituation für sich und nachfolgende Generationen von Studierenden zu verbessern, nicht von dieser bösartigen Medienkampagne beeinflussen. Mehrfach wurde bei den Kundgebungen darauf hingewiesen, dass der Protest ausschließlich gegen die Bildungspolitik der Bundesrepublik Österreich gerichtet ist und explizit nicht gegen deutsche StudentInnen oder irgendeine andere ausländische Studierendengruppe.

Die österreichische Paranoia

In vielen Aspekten erinnern die gegen deutsche StudentInnen geschürte Vorurteile an die Ressentiments gegenüber MigrantInnen. Die einen sind Sozialschmarotzer, die anderen Bildungsschmarotzer. Sie nutzen unser wunderschönes Österreich aus, klauen uns unsere kostbare Bildung und ziehen dann eh wieder nach Deutschland. Ironischerweise wird den Deutschen vorgeworfen, dass sie nach dem Studium wieder in ihr Heimatland zurückkehren, während MigrantInnen vorgeworfen wird, dies nicht zu tun. Inwieweit gerade deutsche StudentInnen zur Zielscheibe werden müssen, lässt sich vielleicht auch mit dem österreichischen Minderwertigkeitskomplex erklären. Die gefühlte Unterlegenheit gegenüber dem Nachbarn im Norden lässt eine Paranoia entstehen, die deutschen könnten über Studierende Einfluss auf Österreich ausüben.

Wie könnte das Gegenkonzept eines Strache'schen "Österreich zuerst" in der Hochschulpolitik aussehen? Studienplätze nur für ÖsterreicherInnen? Will man der aktuell bereits rassistischen und fremdenfeindlichen Politik noch die Facette Bildungspolitik hinzufügen, oder werden einfach wie so oft die Lämmer anstatt des Wolfs zur Opferbank gezerrt? Oder wie wäre es mit der Wiedereinführung der Studiengebühren? Deren Wegfall scheint die Deutschen ja magisch anzuziehen. Studiengebühren hätten auch noch den angenehmen Nebeneffekt, sämtliche finanzschwache Studierende von den Universitäten fernzuhalten und die Studienplätze den wirklich "Interessierten" zu überlassen. Denn wer Bildung will, soll auch dafür zahlen, wenn es ihm oder ihr ernst ist.

Würden die Rektoren der Universitäten und die Medien die Bundesregierung in die Verantwortung nehmen, endlich mehr Geld in die Bildungspolitik zu stecken anstatt vermeintliche Außenseitergruppen für die Missstände verantwortlich zu machen, wäre es für die österreichischen Universitäten überhaupt kein Problem, weitere Studenten aus aller Welt aufzunehmen. Nicht zuletzt bereichert jeder und jede Hinzugezogene die kulturelle Vielfalt des Landes und den kulturellen Austausch zwischen den Ländern. Die sowohl in Deutschland als auch in Österreich verbreitete Angst jemand anders, vor allem der Fremde, könnte einem die Butter vom Brot nehmen, darf nicht zur Diskriminierung von Bevölkerungsgruppen führen. Nicht im Falle von deutschen StudentInnen und auch in keinem anderen Fall.

Der Autor, deutscher Staatsbürger, ist Student der Politikwissenschaft an der
Universität Wien und studiert seit einem Jahr in Österreich.

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