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Die Augen des Krieges

 Surprise (Switzerland) Montag, 15. November 2010

Krisen, Krieg und Katastrophen: Für seine präzisen Berichte und lebensnahen Reportagen aus dem Nahen und Mittleren Osten geht Gianluca Grossi auch persönliche Risiken ein. (918 Wörter) - Von Isabella Seemann

Dann lag er also im Zelt in der trostlosen Wüste der Provinz Paktia, hart an der afghanisch-pakistanischen Grenze. Die vorgeschobene Operationsbasis war bis auf neun Mann verlassen, denn die Einheit der Marines war auf dem Rückweg in einen Hinterhalt der Taliban geraten. Zu sehen waren die Gotteskrieger nicht, aber die Angst vor ihnen war im Camp spürbar. In dieser Nacht würde es leicht einzunehmen sein. Der Wind pfiff über die Ebene und Gianluca Grossis Herz pochte heftig. Ein Wächter des US-Stützpunktes hatte ihm ein Maschinengewehr in die Hand gedrückt und gefragt, ob er bereit sei zu kämpfen. Er müsse sich in dieser Nacht selbst verteidigen können. «Das wars dann wohl, hab ich mir gedacht.»

Der 43-jährige Tessiner Journalist zündet nach der zweiten Zigarette gleich die dritte an und erzählt ohne grosse Gesten weiter: «Es war die längste Nacht meines Lebens.» Auch wenn man ein Risiko einkalkuliere, so seien Situationen an der Front doch gnadenlos zufällig und bar jeder Anerkennung der Regeln menschlichen Zusammenlebens. Selbst eine Akkreditierung als «eingebetteter» Journalist vermöge einen Kriegsberichterstatter nicht zu schützen. Nur der eigene Instinkt, die eigene Erfahrung und das Glück könnten retten.

Todesmutig, voyeuristisch, kaltblütig, idealistisch - Kriegsberichterstatter sind mit allerlei Mythen behaftet. Einerseits weil sie gesellschaftliche Vorstellungen prägen und unsere Bilder vom Krieg formen, andererseits weil die Frage der Motivation viel Raum für Deuteleien lässt: Was treibt Kriegsreporter wie Gianluca Grossi an? «In erster Linie journalistische Neugier. Aber auch Leidenschaft und Berufung. Ich will verstehen und vermitteln, was auf der Welt passiert. Dafür begebe ich mich ins Zentrum des Geschehens.»

Vor acht Jahren hat Gianluca Grossi seine feste Anstellung als Journalist beim Tessiner Fernsehen RSI gekündigt, eine Ausbildung als Kameramann durchlaufen und sich in Jerusalem - die zweite Intifada war in vollem Gange - mit seiner Fernsehproduktionsgesellschaft Weast Productions selbstständig gemacht. «Eine krisensichere Region - vom Standpunkt eines frei arbeitenden Journalisten aus gesehen.» Denn der Konflikte sind im Nahen und Mittleren Osten viele, ein Ende ist nicht abzusehen und Berichte und Bilder von der Front sind heiss begehrt. Im Auftrag von BBC, RAI 3, TVE, FRANCE 3, von ZDF und den Schweizer Fernsehsendern reist er von Beirut aus, wo er sich mittlerweile niedergelassen hat, in Kriegs-, Krisen- und Katastrophengebiete, nach Bagdad und nach Kabul, zu den Georgiern oder den Palästinensern, nach Kurdistan und in den Südlibanon. Für seine präzisen Berichte und lebensnahen Reportagen aus dem Nahen und Mittleren Osten im Schweizer Radio und Fernsehen italienischer Sprache RSI erhielt er die Auszeichnung zum Journalisten des Jahres 2009. «Selbst in unmenschlichen Situationen arbeitet er feinfühlig menschliche Schicksale heraus», begründete die Jury ihren Entscheid.

Grossi misstraute immer schon den naheliegenden Antworten und hält bis heute nicht viel von Leuten die mit grosser Geste die Welt erklären, ohne jemals irgendwo in der Fremde gefroren oder sich gefürchtet zu haben. Vielleicht liegt diese Weltsicht an seiner Herkunft. Er kommt aus Bellinzona. Sein Vater ist der bekannte Tessiner Publizist Plinio Grossi. Wie es «wirklich war», wird Gianluca Grossi oft gefragt, wenn er in seiner Heimatstadt alte Bekannte trifft. Warum er so mutig sei. Und wie man so ein Leben aushalte. Solche Fragen machen ihn stets verlegen. «Ich mache das nicht, um den Helden zu spielen», sagt er - und reicht die Heldenrolle weiter. An seine Fahrer und Übersetzer, an all jene Einheimischen, ohne die es keine Kriegsberichte gäbe und die ohne Rückflugticket und ohne pralles Spesenkonto arbeiten. Er sei, sagt er, ein bisschen demütiger geworden in letzter Zeit. Doch er wird weiterhin hinausfahren in die Welt, denn er wüsste nicht, was er sonst tun sollte.

Er dreht in gottverlassenen Dörfern, zerbombten Häuserzeilen, vermüllten Flüchtlingslagern. Denn so schauen eben jene Orte aus, an denen das abstrakte Wort «Krieg» auf lebendige Menschen trifft. Wenn eine Granate ein Loch in die Wohnzimmerwand über dem Sofa gerissen hat, wenn der palästinensische Feuerwehrmann nicht mehr aufstehen kann, weil ihm eine Granate das Bein abgerissen hat, wenn die Mutter ihre toten Söhne beweint, wenn man die Kinder im Keller versteckt, weil man nicht weiss, ob die nächsten, die an die Tür hämmern werden, Freunde oder Feinde sind.

Gianluca Grossi braucht für solche Geschichten nicht viele Sätze. Eigenschaftsworte sind überflüssig, Verben manchmal auch. Er lässt die Bilder erzählen. Seine Bilder reden zu Millionen von Fernsehzuschauern, sie schaffen Meinungen, sie lösen Reaktionen aus. «Bilder haben eine enorme Kraft, von ihnen geht eine unkontrollierbare Energie aus.» Ginge es nach ihm, würde er seine Bilder nahezu wortlos in den Nachrichten zeigen lassen. «Worte fesseln und erdrücken die Bilder», denkt Gianluca Grossi. Dabei liebt er Worte, Literatur, Lyrik. Nach dem Studium der Allgemeinen und Vergleichenden Literaturwissenschaft an den Universitäten von Zürich, Frankfurt am Main und Rom doktorierte er über Paul Celan und Giuseppe Ungaretti. Und dennoch sagt er: «Worte lenken den Zuschauer ab. Von ihnen geht die grösste Gefahr der Manipulation aus.»

Freilich gehört die Beeinflussung der Öffentlichkeit längst zur Strategie aller Konfliktparteien - darüber macht er sich keine Illusionen. «Alle Seiten versuchen ständig, mich sowie auch andere Kollegen zu manipulieren.» Auch die Opfer wissen um die Macht der Medien - und sie wissen ebenso um deren Bedürfnisse. Eine gute Geschichte gegen öffentliche Aufmerksamkeit, mit Hoffnung auf Hilfe. Natürlich müsse man alle Manipulatoren im Auge behalten. «Man muss sich vor ihnen hüten, und man muss zuweilen auch mit ihnen arbeiten.» Der Kampf mit Lügnern gehört zur journalistischen Arbeit dazu, gerade im Krieg.

 

Original veröffentlicht von Surprise, Switzerland. © www.streetnewsservice.org

 

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