print logo
  • Username:
    Password:

Südafrika - Ein tag im leben eines verkaeufers

 INSP Montag, 22. November 2010

Gerade hatte Martin Malgas (46) einen Job gefunden, da verlor er ihn wegen eines tragischen Unfalls wieder. Doch er gab nicht auf. Wir begleiten ihn einen Tag lang bei seiner Arbeit als Big Issue-Verkäufer in Kapstadt, Südafrika. (2099 Wörter) - Von Jorrit Meulenbeek

Share

SA_Day of a vendor 7

Martin's sales tactics are not aggressive, his blue bib and friendly smile prove to be enough to make people notice him. Photo: Jorrit Meulenbeek

SA_Day of a vendor 1

Martin hails a minibus taxi in the main road to take him to town from Claremont, the suburb where he and his girlfriend stay in a wendy house. Photo: Jorrit Meulenbeek

SA_Day of a vendor 2

Buying magazines at one of The Big Issue's three depots, for seven Rand each, half the selling price. If he runs out during the day, the mobile distribution van delivers more at his pitch. Photo: Jorrit Meulenbeek

SA_Day of a vendor 3

Martin at his pitch, surrounded by morning traffic. The skyline of Central Cape Town is seen in the background. Photo: Jorrit Meulenbeek

SA_Day of a vendor 4

Making a sale. The transaction has to be done quickly, before the traffic lights turn green and the customer pulls up. Photo: Jorrit Meulenbeek

SA_Day of a vendor 5

Many pedestrians passing at his pitch ask Martin for directions. He has been there for years and is always willing to help, even those who do not buy from him. Photo: Jorrit Meulenbeek

SA_Day of a vendor 6

The church across from his pitch with the big palm tree that provides him shelter when it rains. Photo: Jorrit Meulenbeek

SA_Day of a vendor 8

Having a chat with fellow vendor Jakoef Galant who sells a few blocks away. “I was a skellum”, he points to his gang tattoos. “You see that house? I used to break in there.” Photo: Jorrit Meulenbeek

SA_Day of a vendor 9

Vendor Jakoef Galant taking a break in the park with two homeless men. “They are not really my friends, but I share with them and they share with me.” Photo: Jorrit Meulenbeek

SA_Day of a vendor 10

When the light is green, Martin can do nothing but wait, while he gets his smile ready for the next walk between the cars. Photo: Jorrit Meulenbeek

SA_Day of a vendor 11

Former Big Issue-employee Do Machin buys a magazine. “It is a great read and Martin is a wonderful guy. He understands I also have to support the other vendors, so I can’t buy from him every time.” Photo: Jorrit Meulenbeek

SA_Day of a vendor_Sidebar 1

The over 1,8 million South African households who do not have access to formal housing often resort to building shacks, mostly out of iron-sheet. Photo: Jorrit Meulenbeek

SA_Day of a vendor_Sidebar 2

A group of homeless people on a field next to the Greenpoint stadium, which they had to leave to give way to the 2010 World Cup. Photo: Jorrit Meulenbeek

SA_Day of a vendor_Sidebar 3

Homeless people in Greenpoint, Cape Town. In their shopping trolleys they collect bottles and paper for recycling, earning them a small income. Photo: Jorrit Meulenbeek


Name: Martin Malgas

Street paper: The Big Issue South Africa

City: Cape Town, South Africa

Age: 26

Es ist 5.45 Uhr morgens, als Martin Malgas durch das Tor tritt. Es ist nicht sein eigenes Tor - er bezeichnet sich nach wie vor als obdachlos - sondern das Tor zu einem Gelände, auf dem er und seine Freundin in einer kleinen Holzhütte leben dürfen.

Normalerweise fährt Martin morgens gleich mit dem Zug zum Hauptbahnhof im Zentrum von Kapstadt, doch heute muss er zuerst zur Lagerhalle von The Big Issue, um ein paar Zeitungen zu kaufen. Er geht also in Richtung Hauptstraße und wartet, dass eines der überfüllten, dafür aber erschwinglichen Minibus-Taxis vorbeikommt.

Der "gaatjie" (Busfahrer) lehnt sich aus dem Fenster und gibt mit "Cape Teooown! Kaap!" immer wieder die Zieldestination bekannt, während er sich den Weg durch den Morgenverkehr bahnt. Vom Lager aus führt Martins Weg durch die Stadt, weg vom Strand und die Hänge des Tafelbergs hinauf. Seinen Standplatz hat er bei den "robots" (Ampeln) an der Kreuzung zwischen Orange Street/Hatfield Street im Zentrum von Kapstadt. Hier verkauft er seine Zeitungen an Autofahrer, die darauf warten, dass die Ampel auf Grün umspringt.

In der morgendlichen Rushhour verkauft Martin die meisten Exemplare. Kaum hat er sich seine Big Issue-Weste übergezogen, verkauft er schon seine erste Zeitung; um zehn Uhr sind es bereits acht Stück. "Ich verkaufe um die fünfzehn Exemplare pro Tag", erklärt Martin. "Manchmal sogar zwanzig, aber jetzt wird die Ausgabe alt und die meisten haben schon eine."

Immer, wenn die Ampel auf Rot springt, geht Martin routiniert die Kolonne von wartenden Autos entlang, lächelt und grüßt freundlich. "Ich klopfe nicht an die Scheiben oder so. Wenn sie keine Zeitung wollen, versuche ich es nicht länger und wünsche ihnen einfach einen schönen Tag."

Haben sich die Morgenwolken einmal aufgelöst, ist Martin auf seinem Standplatz der erbarmungslosen Sonne ausgeliefert. Solche Sommertage sind seit seinem Unfall im Jahr 2003 die schlimmsten für ihn. Er krempelt seinen Ärmel hoch und zeigt die Brandnarben auf seinem Oberarm.

Der Unfall passierte, als er mit einem Freund in einer kleinen Holzhütte im District Six lebte, einem Viertel in Kapstadt, das zum Symbol der Unterdrückung wurde. Der Bezirk wurde in den 1960er Jahren dem Erdboden gleich gemacht, da das Apartheid-Regime dessen ethnisch bunt gemischte Bevölkerung nicht duldete.

"Martin, was hast du mit der Kerze gemacht?", fragte sein Mitbewohner, als sie eines Nachts einen seltsamen Brandgeruch wahrnahmen. Er erinnert sich daran, eine Benzinspur unter der Tür gesehen zu haben. "Als ich es bemerkte, war es aber schon zu spät." Sekunden später stand sein Bett in Flammen. "Das Feuer war nicht für mich bestimmt, sondern für meinen Freund. Seine Exfreundin hatte das getan", erzählt Martin.

Die Nachbarn reagierten schnell, konnten das Feuer löschen und das Haus retten. Doch er erlitt schwere Verbrennungen an einem Bein und einem Arm. Jahrelang war er auf Jobsuche gewesen und hatte dann endlich Arbeit in einem Schlachthof gefunden, doch nach dem Unfall konnte er seinen Arm nicht mehr gebrauchen und musste den Job wieder aufgeben.

Jetzt verkauft er wieder The Big Issue, wie auch schon früher einmal. Nach mehreren Operationen im Groote-Schuur-Krankenhaus in Kapstadt, wo man ihm Haut von der Brust auf den Arm transplantierte, sind die Schmerzen jetzt erträglich, aber an so einem Tag wie heute schmerzt sein Arm in der glühenden afrikanischen Sonne immer noch sehr stark.

Nach der ersten Stoßzeit lässt der Verkehr nach und Martins Umsatz sinkt, trotzdem gibt es Gelegenheit, sich mit dem einen oder anderen Stammkunden zu unterhalten. "Ich liebe The Big Issue, ich habe jede Menge davon", sagt eine Frau in einem schicken roten Auto und zeigt auf die Exemplare, die auf dem Rücksitz herumliegen. "Bye, Martin!", ruft sie noch, als sie losbraust. Andere machen nette Gesten oder lächeln einfach und deuten auf ihr Exemplar, das sie gut sichtbar auf das Armaturenbrett gelegt haben.

Martin hatte schon denselben Standplatz, als er 1991 mit dem Verkauf von The Big Issue begann. Als er nach seinem Unfall zurückkam, hatte er den Großteil seiner Kundschaft immer noch. "Eine Frau kaufte mir fünfzehn Zeitungen auf einmal ab, bevor sie von hier wegzog. Das hatte sie mir versprochen und sie hielt ihr Versprechen."

Abgesehen von den Tagen, an denen Martin einen Freund als Hausmeister in einem Wohnblock vertritt, arbeitet er sieben Tage die Woche auf diesem Standplatz. So gern er auch The Big Issue verkauft, hofft er trotzdem, seinen Stammplatz eines Tages verlassen zu können. "Andere junge Leute sollen auch eine Chance bekommen. Sobald ich einen Job finde, gebe ich ihnen Bescheid, damit jemand anderer hier Zeitungen verkaufen kann."

Gegen 15 Uhr geht er die Straße ein Stück weiter hinauf, um sich mit seinem Verkäufer-Kollegen Jakoef zu unterhalten. Dann setzt bald die abendliche Rushhour ein und der Verkehr nimmt wieder zu. Immerhin kann er noch vier Exemplare verkaufen, das lange Warten hat sich also gelohnt. Um 17.30 Uhr macht er sich auf den Heimweg. Er hat den ganzen Tag keine richtige Pause gemacht, bis auf einen kleinen Snack auf seinem Standplatz.

Meistens kocht seine Freundin, wenn sie von ihrer Arbeit als Hausangestellte zurückkommt. "Aber manchmal koche auch ich für sie", fügt er noch schnell hinzu. "Wenn es ihr einmal nicht so gut geht." Wird er denn im Laufe des Tages nicht hungrig? "Ich darf nicht zu viel essen", erklärt er mit einem Lächeln. "Sonst habe ich nämlich keinen Appetit, wenn ich nach Hause komme, und dann wird meine Freundin böse."

Seitenleiste: Ein Haus, jedoch kein Zuhause

"Sie haben ein Dach über dem Kopf, aber ich würde es nicht als ein Zuhause bezeichnen", beschreibt Martin Leggasick die Situation der Millionen von Südafrikanern, die in Baracken in den ständig wachsenden Elendsvierteln rund um die größten Städte leben. "Manchmal müssen sich sogar mehr als 600 Menschen einen einzigen Wasserhahn teilen."

Martin Leggasick, emeritierter Professor an der Western Cape-Universität, ist ein Aktivist der Western Cape Anti-Eviction Campaign, die sich gegen Zwangsräumungen in Kapstadt einsetzt. "Die Menschen ziehen in die Städte, um Arbeit zu finden, und die Regierung ist nicht in der Lage, angemessene Unterkünfte für sie bereitzustellen", meint er und sieht darin den Hauptgrund für die Obdachlosigkeit in Südafrika. "Die meisten dieser Menschen können sich keine richtige Unterkunft leisten und so bleibt ihnen oft nichts anderes übrig, als sich Baracken zu bauen."

Obwohl in den meisten Entwicklungsländern die Menschen auf der Suche nach Arbeit in die Städte strömen, ist die Lage in Südafrika durch das Erbe der Apartheid noch prekärer. Während der Apartheid durften Schwarzafrikaner in den Städten nicht frei leben und arbeiten. Aus diesem Grund, erklärt Martin Leggasick, stieg die Bevölkerung in den sogenannten "Homelands", den für die "Natives" vorgesehenen Armenvierteln, stark an.

Nachdem die Apartheid-Gesetze aufgehoben worden waren, hatten sie plötzlich die Möglichkeit in die Städte zu ziehen und viele taten das auch. Laut den Zahlen des Siedlungsministeriums wurden zwischen April 1994 und März 2010 fast 2,4 Millionen Sozialwohnungen gebaut, aber das reichte nicht, um den Wohnungsbedarf zu decken. Im Jahr 2008 registrierte das Südafrikanische Institut für Rassenbeziehungen (SAIRR) über 1,8 Millionen Haushalte, die sich in informellen Siedlungen befanden.

Die Obdachlosigkeit in Südafrika ist in hohem Maße mit Arbeitslosigkeit gekoppelt. Offiziellen Statistiken zufolge liegt die Arbeitslosenrate bei ca. 25 Prozent (vierteljährliche Arbeitskräfteerhebung, 3. Quartal 2010), doch viele Quellen setzen diese Zahl weit höher an. Eine der Initiativen, die Arbeitslosen zu einem Grundeinkommen verhelfen, ist The Big Issue, das es derzeit allerdings nur in Kapstadt, Südafrikas zweitgrößter Stadt mit geschätzten 4 Millionen Einwohnern, gibt.

"Wir unterscheiden uns von den meisten Straßenzeitungen in anderen Ländern", sagt Geschäftsführerin Trudy Vlok. "Die anderen arbeiten hauptsächlich mit suchtkranken Obdachlosen oder solchen, die unter psychischen Problemen leiden. Unser Schwerpunkt ist dagegen, dass Menschen in Armut die Möglichkeit bekommen, Geld zu verdienen und dabei etwas zu lernen."

Laut Trudy Vlok steigen zwischen 15 und 20 Prozent der Straßenverkäufer letztlich in den formellen Arbeitsmarkt ein oder schaffen es, ein eigenes kleines Unternehmen aufzuziehen und somit langfristig unabhängig zu sein.

Der operative Geschäftsführer der NGO Cape Town Partnership, Tasso Evantelinos, ist von der Arbeit, die The Big Issue in seiner Stadt leistet, begeistert. Die Organisation, in der sich private Unternehmen und öffentliche Stellen Seite an Seite für die Lösung wirtschaftlicher und sozialer Probleme in Kapstadt einsetzen, pflegt eine enge Zusammenarbeit mit der Straßenzeitung und unterstützt mehrere Programme gegen die Obdachlosigkeit in der Stadt. Abgesehen von Notunterkünften und medizinischer Versorgung, die sie zur Verfügung stellen, wollen sie Obdachlose wieder in die Gesellschaft eingliedern, indem sie ihnen eine Ausbildung und einen Arbeitsplatz verschaffen.

Über 300 Personen nehmen derzeit an diesen Programmen teil. Außerdem hat die Organisation in den letzten zehn Jahren über 100 Personen dabei unterstützt, dass sie sich mit ihren Familien wieder dort ansiedeln konnten, woher sie ursprünglich gekommen waren.

"Das ist vielleicht nicht viel für eine große Stadt", gibt Tasso Evantelinos zu. "Aber Obdachlosigkeit ist keine exakte Wissenschaft, sondern ein komplexes Problem und dafür gibt es keine perfekte Lösung. Wir haben allerdings in den letzten Jahren bemerkt, dass weniger Menschen auf der Straße leben, insbesondere Kinder. Die Kinder, die immer noch auf der Straße leben, sind abgehärtet und wollen so leben. Die meisten von ihnen gehören auch kriminellen Organisationen an."

Dem Südafrikanischen Institut für Rassenbeziehungen zufolge steigt die Zahl der Haushalte in formellen Siedlungen nun erstmals schneller an als die der Haushalte in informellen Siedlungen. Dies deutet auf eine langsame Trendwende hin, auch wenn die Zahl der Menschen, die in informellen Siedlungen wohnen, immer noch steigt.

Martin Leggasick von der Western Cape Anti-Eviction Campaign meint, dass Initiativen wie The Big Issue für die betroffenen Menschen tatsächlich etwas bewirken, da sie ihnen helfen, Geld zu verdienen. Als wirkungsvolle Maßnahme gegen den Wohnungsmangel schlägt er aber vor, dass die Regierung ihren Schwerpunkt auf Ausbildung und die Schaffung von Arbeitsplätzen für
Arbeitslose auf dem Bausektor legen sollte und so gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen würde: mehr Wohnungen und mehr Jobs. "Derzeit fehlen mehr als zwei Millionen Wohnungen, aber auf diese Art könnte man das Problem relativ leicht und schnell lösen."

Übersetzung aus dem Englischen von Ulrike Haumer, Karin Janker, Dorottya Somogyváry

 andere Fremdsprachen-Versionen

kürzlich hinzugefügt

SNS logo
  • Website Design