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Erinnerungsarbeit als Jugendarbeit

 Die Jerusalëmmer (Germany) Donnerstag, 31. März 2011

Unser Interviewpartner, Hendrik Hartemann, ist Jugendbildungsreferent am Aktiven Museum Spiegelgasse in der hessischen Landeshauptstadt Wiesbaden. Mit ihrer Jugendinitiative „Spiegelbild“ bietet das Aktive Museum ein bundesweit einzigartiges Angebot sozialer und kultureller Jugendarbeit. ( Wörter) - Von

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Die "Spiegelgasse" ist kein Museum im traditionellen Sinne, erst recht kein "Jüdisches Museum". Es versteht sich als Einrichtung des Bewahrens, der Forschung, der Präsentation und Vermittlung. Damit ist es ein Ort des lebendigen, die Öffentlichkeit aktivierenden Erinnerns, der Raum bietet zur Auseinandersetzung mit einer deutschen Erinnerungskultur, die ihren Fokus in der deutsch-jüdischen Geschichte hat. Seine vielfältige Arbeit hat das Aktive Museum Spiegelgasse deshalb unter das Motto gestellt: "Zukunft bedarf der Herkunft und der Erinnerung"

Das Museum und insbesondere dessen Jugendinitiative "Spiegelbild" bietet besondere Angebote für junge Menschen - auch und gerade für Jugendliche aus Migrantenfamilien -, um ihnen eine Brücke zum aktiven Gedenken zu bauen. So können sich Jugendliche mit ihrer eigenen Lebenswelt selbstbestimmt in die Erinnerungsarbeit des Vereins integrieren.

Ein Gespräch mit dem Jugendbildungsreferenten des Aktiven Museums Spiegelgasse für Deutsch-Jüdische Geschichte in Wiesbaden e.V.

Redaktion: Herr Harteman, wie kam es dazu, dass ein Museum einen Jugendbildungsreferenten braucht?

Harteman: Die Jugendinitiative Spiegelbild gibt es seit 4 Jahren. Ich arbeite seit 3 Jahren dort als hauptamtlicher Jugendbildungsreferent.

Zu einer Jugendinitiative kam es, weil die Mitglieder merkten, dass die eigene Mitgliederstruktur überaltert war. Wir sind ein Verein, der mit seinem Angebot, die deutsch-jüdische Geschichte in Wiesbaden wachzuhalten, natürlich vor allem bestimmte Kreise anspricht. Unsere Mitglieder sind vorwiegend Deutsche aus bürgerlichen Verhältnissen, die bereits in das Rentenalter eingetreten sind. Als der Verein einen Altersdurchschnitt von 70+ erreichte, musste etwas passieren. Ansonsten wäre der Verein - der noch so aktiv sein kann - einfach aufgrund seiner eigenen Überalterung früher oder später ausgestorben.

...Und mit ihm seine gesamte Arbeit, denn Erinnerung und Erinnerungsarbeit lebt nun mal davon, an die nächste Generation weitergegeben zu werden. Die Jugendinitiative Spiegelbild war ein Befreiungsschlag. Wie wichtig dem Verein die Jugendarbeit nun ist, sieht man auch daran, dass meine Stelle neben der einer Bürokraft im Sekretariat die einzige hauptamtliche Stelle ist, die sich der Verein leistet. Ich werde von der Stadt Wiesbaden bezahlt, und wir alle wissen, dass Städte und Gemeinden heutzutage nur noch bereit sind, finanzielle Mittel für inhaltliche Arbeit bereit zu stellen, wenn sie davon überzeugt sind, dass dabei wirklich "etwas rum kommt".

 

Redaktion: Ist es nicht schwierig, Jugendliche mit einem Thema wie die deutsch-jüdische Vergangenheit überhaupt zu erreichen? Das ist für sie doch viel zu weit weg?

Harteman: Allerdings ist das häufig nicht einfach. Gerade deswegen ist es auch so wichtig, dass die Ansprache professionell verläuft, um überhaupt die Bedürfnisse der Jugendlichen zu verstehen. Aus diesem Grund bin ich auch kein ausgebildeter Historiker, sondern Sozialarbeiter.

Redaktion: Wie sieht der Erstkontakt aus? Verbinden Jugendliche noch etwas mit dem Begriff jüdisch?

Harteman: Bei der ersten und zweiten Nachkriegsgeneration, die selbst noch ihre Eltern und Großeltern fragen konnten, was damals eigentlich passiert ist, war die deutsch-jüdische Beziehung immer auch ein Thema innerhalb der Familien - nicht immer ausgesprochen, aber ein Thema. Die heutigen Jugendlichen können niemanden mehr in der Familie fragen. Sie müssen sich über die Medien informieren. Die Medien übernehmen zusehends die Funktion eines Wissensspeichers und Gedächtnisses, was die Themen Holocaust und Ausgrenzung, Vertreibung und Ermordung der jüdischen Deutschen anbetrifft. Das funktioniert allerdings ganz gut. Selbst Grundschulkinder wissen häufig schon etwas über den Holocaust, das haben sie über ihren Medienkonsum gelernt und nicht in der Schule oder Familie. Gleichzeitig ist ihr Verhältnis dazu nicht so persönlich, wie dies noch in den Generationen davor der Fall war. Weil ihr Verhältnis nicht persönlich ist - schon gar nicht, wenn die Jugendlichen aus Einwandererfamilien stammen - fragen sie aber nicht aktiv nach. Sie müssen über die Schulen, Stadtjugendring und Kirchengemeinde angesprochen werden.

 

Redaktion: Wie sieht ein Projekt der Spiegelgasse mit Jugendlichen aus?

Harteman: 2009 führten wir eine großangelegte Veranstaltungsreihe durch mit dem Titel "Anne Frank - eine Geschichte für heute - in Wiesbaden". Darin integriert waren ca. 60 Projekte und Veranstaltungen. Eines davon war ein Comic-Workshop des Stadtjugendrings Wiesbaden. Die Jugendlichen besuchten Erinnerungsorte, führten Zeitzeugengespräche und lernten, wie man ein Storyboard schreibt und textet. Sie fertigten kurze Comic-Strips an, die inhaltlich die Thematik Ausgrenzung und Vertreibung aufgriffen. Über das Comic-Zeichnen trafen wir das Interesse und die Bedürfnisse der Jugendlichen. Das wollten sie von sich aus gerne machen, denn Comics sind in Zeiten des Manga-Kults cool. Die Comics waren die Plattform und Ebene, auf der Erinnerungsarbeit ablief. Gleichzeitig erhielten die jungen Zeichner während der Präsentation in einer Ausstellung einen öffentlichen Raum und Aufmerksamkeit der Medien, um ihr eigenes Können zu beweisen.

 

Redaktion: War das eine homogene Gruppe, die sich vorher kannte?

Harteman: Nein. Die Gruppe war total bunt gemischt. Das fing schon bei der Altersstruktur an - die Zeichner waren zwischen 13 und 29 Jahren alt - und führte sich über die verschiedensten sozialen und ethnischen Herkünfte fort. Genau das ist auch ein ganz wichtiger Bestandteil im Konzept von Spiegelbild: Nicht nur den deutschstämmigen, bürgerlichen Gymnasiasten ansprechen, sondern auch die Jugendlichen, die aufgrund ihrer Herkunft und ihres schulischen Werdeganges nur wenig Chancen haben, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Die heterogene Gruppe im Workshops führte zu sehr vielfältigen und auch hochwertigen Ergebnissen. Leider warten die Comics immer noch auf eine Veröffentlichung, vielleicht findet sich ja noch ein Verlag.

Redaktion: Welche Motivation hat denn ein Jugendlicher aus einer Einwandererfamilie überhaupt, sich mit dem Holocaust auseinanderzusetzen? Das hat doch mit seiner Geschichte überhaupt nichts zu tun.

Harteman: Oh doch. Oft finden diese Jugendlichen sogar leichter einen Zugang, weil sie Ausgrenzung aus eigener Erfahrung kennen oder ihre Eltern- oder Großelterngeneration selbst fliehen musste. Sie solidarisieren sich sehr schnell mit den Opfern des Nationalsozialismus. Ihre Auseinandersetzung läuft oft viel emotionaler als die des deutschstämmigen Gymnasiasten ab. Der wurde dazu erzogen, das Thema möglichst nüchtern und kopflastig anzugehen. Diese Emotionalität aber ist eine Chance. Das ist nur ein wichtiger Beitrag, den Immigranten uns bieten können, wenn man sie nur öffentlich anhört und in unsere nationale Identität einbezieht.

 

Redaktion: Das ist ein sehr moderner Ansatz. Stößt das nicht häufig auf Vorbehalte?

Harteman: Der Ansatz von Spiegelbild ist tatsächlich noch nicht sehr weit verbreitet in Deutschland. Wiesbaden leistet sich diesen Ansatz, weil wir eine Stadt sind, die eine der höchsten Immigrantendichte in Deutschland besitzt. Fast jeder dritte Wiesbadener hat einen Migrationshintergrund. Wollen wir uns als Stadt eine gemeinsame Identität schaffen, dürfen wir die Immigranten auch in unserer Erinnerungsarbeit nicht ausgrenzen. Erinnerung schafft Geschichte, Geschichte schafft Identität. Deswegen verstehe ich mich als "fascilitator" - ein Begriff der non-formal education, der in etwa mit "Ermöglicher" übersetzt werden kann - ich möchte Jugendlichen Zugänge zu Geschichte ermöglichen, ohne ihnen vorzugeben, wie sie sich damit auseinander zu setzen haben. Geschichte wird immer für die kommende Generation gemacht, es ist ihre Geschichte, sie selbst müssen damit leben und umgehen. Deswegen muss Geschichte und Erinnerung dynamisch bleiben. In der Praxis ist das aber häufig eine Gratwanderung, wir ecken damit auch immer wieder an, weil gerade in der älteren Generation sowohl auf jüdischer als auch nicht-jüdischer Seite ganz starre Vorstellungen herrschen, wie Erinnerungsarbeit auszusehen hat.

 

Redaktion: Können Sie etwas konkreter werden?

Harteman: Die ältere Generation hält häufig an einer reinen Gedenkstättenpädagogik fest und hat das Bedürfnis zu steuern, wer, wann und wie historische Fakten zu erinnern hat. Vor allem christlich geprägte Gruppen sehen Erinnerungsarbeit vorrangig als Möglichkeit zur interreligiösen Begegnung und Versöhnungsarbeit. Dagegen sperren sich wiederum jüdische Gruppen, die nicht als "Begegnungsobjekte" behandelt werden wollen, nur weil andere meinen, sich als "Täter" heilen zu müssen oder zu können. Das Bedürfnis zur Versöhnung ist ein typisches Tätermotiv, egal ob es auf echter Täterschaft oder nur auf einem Täterkomplex beruht. All dies ist nicht mehr zeitgemäß. Und es grenzt von vorne herein ein große Gruppe in Deutschland lebender Menschen aus, nämlich all diejenigen, die erst nach 1945 eingewandert sind, egal welcher religiösen Herkunft sie sind. Ein Diskurs, in dem es aber um Ausgrenzung geht, sollte selbst nicht ausgrenzen. Ein Jugendlicher, der in den 1990er Jahren geboren wurde, sieht sich in Bezug auf den Holocaust weder als Täter noch als Opfer. Mit wem sollte er sich also versöhnen? Gleichwohl kennt er aber Ausgrenzung, sei es ethnisch, religiös oder sozial. Hierüber findet die Identifikationsleistung statt, hierüber kann dann auch Begegnung stattfinden. 

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Original veröffentlicht von Die Jerusalëmmer. © www.streetnewsservice.org

 

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