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Kenia: Ein Tag im Leben einer Straßenzeitungsverkäuferin

 Street News Service Mittwoch, 30. März 2011

Elizabeth Ndilas Traum ist es ein anständiges Zuhause zu haben, so wie ihre Nachbarn. Jahrelang hat sie dem Glück nachgejagt, und es lässt wohl weiter auf sich warten. Doch die Big Issue-Verkäuferin aus Kenia gibt nicht einfach auf. (1751 Wörter) - Von Njoroge Kinuthia

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 Ndila persuades a motorist at a parking bay to buy the magazine. Photo: Benard Kimani

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Das Elendsviertel liegt wie verloren zwischen zwei Symbolen des Wohlstands: einem kleinen Flughafen, Wilson Airport, und einer der besseren Wohngegenden, South C. Vom Rande des Slums sieht man Flugzeuge auf der Rollbahn, die entweder gerade gelandet sind oder vor dem Abheben beschleunigen.

Es liegen Welten zwischen den Wellblechhütten und ihrer Nachbarschaft, sie sind ein Schandfleck in der sonst so modernen Umgebung. Vielleicht heißt der Slum auch deshalb Mitumba, was auf Swahili "aus zweiter Hand" bedeutet. Zweifelsohne hat Mitumba alle Merkmale einer Siedlung für Bürger zweiter Klasse - Menschen, die den Wohlstand sehen und riechen können, aber wie der arme Lazarus in der Bibel von den Resten, die vom Tisch des reichen Mannes fallen, leben.

Elizabeth Ndila, eine Verkäuferin der kenianischen Straßenzeitung The Big Issue, ist eine von Tausenden, die Mitumba ihr Zuhause nennen. Im Jahr 2002 zog sie aus einem anderen Slum nach Mitumba. Ndila beklagt sich über die schwierige Situation der Armen in Nairobis Elendsvierteln. "Das Leben hier ist ein Albtraum. Wir arbeiten sehr hart, bekommen aber im Gegenzug sehr wenig dafür. Alles ist teuer und kostet Geld, sogar der Gang auf die Toilette kostet hier etwas. Man kann nicht auf die Toilette gehen ohne dafür bezahlen zu müssen", erklärt sie.

Aber die Launen der Armut sind Ndila nicht fremd. Das Leben hat sich für die 38-Jährige nicht geändert, seit sie vor über einem Jahrzehnt in die kenianische Hauptstadt gezogen ist, auf der Suche nach einem besseren Leben. Sie war nie untätig, entweder hat sie gearbeitet oder sie war auf der Suche nach Arbeit. Jahrelang hat sie sich mit einfachen Jobs durchgeschlagen und hat zum Beispiel in einer Fabrik Tee verpackt oder als Haushaltshilfe gearbeitet. Dabei hat sie selten mehr als zwei Dollar pro Tag verdient.

Ihrem scheinbar unabänderlichen Schicksal zum Trotz hat sie nie die Hoffnung aufgegeben und ist zuversichtlich, dass sie eines Tages die Steinmauer überwinden und ihren Traum leben wird. Die Steinmauer trennt die Mitumba-Slums von den schönen Häusern des South C-Viertels mit ihren massiven Mauern und Ziegeldächern.

"Die Leute, die auf der anderen Seite der Mauer leben, sind doch genauso wie ich. Wer sagt, dass ich nicht dort leben kann? Eines Tages werde ich dort wohnen oder ein Stück Land kaufen und auch ein anständiges Haus bauen", sagt sie mit Überzeugung.

Ndila lebt mit ihrem Ehemann, Nicholas Wambua, und ihren zwei Kindern in einer der Hütten. Ihr Ehemann arbeitet als Fußballtrainer für Straßenkinder für eine Organisation, die das Ziel verfolgt, Kinder von der Straße und den Drogen wegzulocken. Wie Tausende andere besetzen sie fremdes Land und wissen nicht, wann die Eigentümer des Grundstücks, das sie besetzen, mit einem Räumungsbefehl auftauchen werden.

Ndila hofft allerdings, dass sich das Leben bis dahin zum Besseren wenden wird. Sie ist sich auch völlig im Klaren darüber, dass Worte allein nicht reichen, um es auf die andere Seite der Mauer zu schaffen. Nur harte Arbeit wird ihr als finanzielles Sprungbrett dienen können. Aus diesem Grund steht sie jeden Tag um 5 Uhr morgens auf, und eine Stunde später, nachdem sie das Frühstück für ihre Familie zubereitet hat, bricht sie auf, um sich auf die oft vergebliche Suche nach Aushilfsjobs zu begeben.

Bevor sie als Big Issue-Verkäuferin zu arbeiten begann, ging sie tagein tagaus von Tür zu Tür auf der Suche nach Familien, für die sie (händisch) die schmutzige Wäsche waschen konnte. Da viele Frauen auf diese Art und Weise ihr Geld verdienen wollen, bot dies kein gesichertes Einkommen.

Heute zählt sie als Straßenzeitungsverkäuferin zu den wenigen Glücklichen, denn sie verdient genug, um jeden Tag Essen auf den Tisch bringen zu können. "Pro verkauftem Exemplar verdiene ich 75 Kenia-Schilling (etwas weniger als einen Dollar), das ist die Hälfte des Verkaufspreises", offenbart sie mit einem Lächeln im Gesicht. "Wenn ich an meinem Standplatz bin, verkaufe ich jedes Mal ein bis zwei Zeitungen."

Ihr Stammplatz befindet sich im Karen Shopping Centre, einer wohlhabenden Wohngegend, mehr als 10 km von Mitumba entfernt. In der Nähe von Mitumba darf sie keine Zeitungen verkaufen, da die Geschäftsführung von The Big Issue keine Verkaufslizenz für dieses Gebiet erworben hat.

Meistens kann sie sich das Ticket für die Busfahrt zu ihrem Stammplatz nicht leisten. Abhängig von der Tageszeit kostet die Fahrt zwischen 30 und 50 Kenia-Schilling, deshalb geht sie lieber zu Fuß.

"Geld für die Busfahrt auszugeben ist für mich reine Geldverschwendung. Ich habe Kinder zu ernähren", bekräftigt sie. Selten bestreitet sie den Weg zu ihrem Arbeitsplatz alleine. Unzählige andere Menschen müssen die 10 km lange Strecke von Mitumba hinter sich bringen, um zur Arbeit zu gelangen  - Bauarbeiter, Haushaltsgehilfen, Wächter und ein weiterer Big Issue-Verkäufer.  "Wir unterhalten uns den ganzen Weg über, man merkt gar nicht, wie die Zeit vergeht", erklärt sie.

Unterwegs muss sie sich immer wieder zurückhalten, um nicht an Passanten zu verkaufen, da sie keine Verkaufsgenehmigung für diese Gegend besitzt. Einmal hat sie es versucht und ist dabei prompt an Polizisten geraten. Sie hatte aber Glück, denn ihre Bitte um Gnade wurde erhört und sie ließen sie wieder gehen.

Doch sogar an ihrem Stammplatz im Karen Shopping Centre ist der Verkauf der Zeitung kein Kinderspiel. "Es ist immer ein Kampf", sagt sie.

"Die meisten Menschen kennen The Big Issue nicht und wollen, dass ich ihnen erzähle, worum es in den Geschichten geht. Manche wollen gar nichts zahlen und erklären, dass die schwierige Wirtschaftslage schuld daran sei. Andere sagen dir direkt ins Gesicht, dass sie die Zeitung nicht wollen. Es ist immer wieder frustrierend", klagt sie. "Aber man begegnet auch oft Menschen, die verstehen, worum es bei The Big Issue  geht, und die dann Stammkunden werden." Wenn Ndila gerade keine Zeitungen verkauft, dann verkauft sie Halsketten, die sie mit einer Freundin aus Papierstücken und Perlen fertigt.

Trotz der frustrierenden Momente, die mit dem Verkauf der Zeitung verbunden sind, hofft Ndila, dass The Big Issue ihr endlich dabei helfen wird, ihren Traum zu verwirklichen. "Ich denke, dass ich, wenn ich diese Zeitung weiterhin verkaufe, genügend Geld damit verdienen werde, um mir ein schönes Haus kaufen zu können."

Und das ist gar nicht so abwegig. Bei der Zeitung, die nach zweijähriger Unterbrechung seit Juni 2010 wieder erscheint, ist man überzeugt, nun auf dem richtigen Weg zu sein und in naher Zukunft schwarze Zahlen schreiben zu können.

"Wir wollen The Big Issue groß herausbringen. Wir wollen, dass diese Zeitung die Stimme aller Menschen wird, die sonst keine Stimme haben. Sie soll bei der Leserschaft in Kenia beliebt werden", erklärt Lilian Maingi, Redaktionsleiterin und Projektmanagerin. Nach der zweiten Nummer zu urteilen, steht einer vielversprechenden Zukunft nichts mehr im Weg. Im Aufmacher der aktuellen Ausgabe geht es darum, dass in den Mathare-Slums in Nairobi 5000 Bewohner nur eine Toilette zur Verfügung haben.

"Wir wollen denselben Weg gehen wie The Big Issue in Südafrika und auch jede Woche herauskommen", offenbart die Redaktionsleiterin der Zeitung, die momentan alle zwei Monate erscheint.

Aber sie gibt zu, dass dies nicht einfach sein wird. Es gibt noch ein paar Probleme, die gelöst werden müssen. Erstens sind die Druckkosten im Land zu hoch. Derzeit kostet der Druck eines
Exemplars 150 Kenia-Schilling, und die Zeitung wird um 140 Kenia-Schilling verkauft, wobei die Hälfte des Betrags an den Verkäufer geht. Das, merkt Maingi an, ist wirtschaftlich nicht sinnvoll. Deshalb werden nun billigere Druckoptionen innerhalb und außerhalb des Landes geprüft.

Zweitens, sagt sie, braucht die Zeitung mehr Mitarbeiter. Das winzige Big Issue-Büro, das im Shalom House nahe der Ngong Road in Nairobi untergebracht ist, ist derzeit von drei Personen besetzt: der Redaktionsleiterin, dem Sozialreferenten, Cosmas Nduva, und einem Praktikanten. Die Beiträge, die in der Zeitung erscheinen, werden größtenteils von freien Mitarbeitern verfasst.

Letztendlich appelliert sie an die Regierung und die Kenianer, The Big Issue verstehen und schätzen zu lernen. Die Regierung sollte die Zeitung unterstützen, weil sie im Gegensatz zu anderen Publikationen danach strebt, den Lebensstandard der Armen und Schwachen auf direktem Weg zu verbessern. "Die Regierung sollte über den eigenen Tellerrand hinaus schauen. Es ist traurig, dass die Türen verschlossen bleiben, wenn wir um Hilfe bitten", sagt sie. Sie ist beispielsweise der Ansicht, dass die städtischen Behörden den Big Issue-Verkäufern erlauben sollten, die Zeitung auch im Stadtzentrum zu verkaufen, und vielleicht sogar die Lizenzgebühren abschaffen sollten, die ihrer Meinung nach zu hoch sind. Und die Bevölkerung, sagt Maingi, sollte die Obdachlosen durch den Kauf der Zeitung unterstützen.

Obwohl es keine eindeutigen Statistiken gibt, sind Obdachlosigkeit und der Mangel an anständigen Wohnstätten in Kenia ein sehr großes Problem. Laut Eric Makokha, dem Geschäftsführer der Nichtregierungsorganisation Shelter Forum, die sich für das Recht auf sicheres, erschwingliches und angemessenes Wohnen in Kenia einsetzt, ist Obdachlosigkeit im Stadtgebiet zwar stärker ausgeprägt, jedoch ist die Wohnsituation auch in den ländlichen Gebieten im Allgemeinen sehr schlecht. Tausende Menschen leben unter unmenschlichen Bedingungen in undichten und wackeligen Hütten ohne sauberes Wasser und ohne sanitäre Einrichtungen. Die schlechte Wohnqualität, sagt Makokha, hat Auswirkungen auf die Gesundheit und die wirtschaftliche Produktivität der Menschen.

Außerdem wurde die Situation durch die gewalttätigen Ausschreitungen nach den Wahlen im Jahr 2008 noch verschärft. Es gab damals mehr als 1000 Tote und 600.000 intern Vertriebene, die im Zuge der Ausschreitungen ihre Wohnstätten verloren hatten. Die Regierung hat versprochen, die Vertriebenen bis Ende 2010 wieder anzusiedeln. Ein Monat vor Jahresende bleibt nun abzuwarten, ob das Versprechen eingelöst werden kann.

Laut UN-Habitat lebt in der Hauptstadt Nairobi fast die Hälfte der Bevölkerung in den über 100 Armenvierteln und informellen Siedlungen.

Die Regierung und Nichtregierungsorganisationen kämpfen darum, den Lebensstandard in den Slumgebieten anzuheben. So wurden zum Beispiel Bewohner aus Kibera, Afrikas größtem Elendsviertel, in rund 300 Wohnungen umgesiedelt, die von UN-Habitat und dem Aufwertungsprogramm "Kenya Slum Upgrading Programme" (KENSUP), das im Jahr 2000 initiiert worden war, errichtet wurden.

Dem kenianischen Wohnbauministerium zufolge muss das Land jedes Jahr bis zu 150.000 Wohneinheiten für Geringverdiener errichten, wenn es die prekäre Wohnsituation in naher Zukunft wirkungsvoll bekämpfen will. Doch laut der National Housing Corporation kann der Markt nur 30.000 Einheiten jährlich zur Verfügung stellen. Die Nachfrage übersteigt das Angebot, was zu hohen Preisen führt, sodass anständige Wohnungen für Menschen der niedrigeren Einkommensgruppe unerschwinglich werden.

Makokha lobt zwar die Regierung dafür, dass sie die Steuerbelastung für die Bauindustrie gesenkt hat, ist aber der Meinung, sie sollte dem privaten Sektor mehr Anreize für die Errichtung von Wohnraum für Einkommensschwache bieten. So sollte zum Beispiel Entwicklern bereits erschlossenes Land zur Verfügung gestellt werden, was die Baukosten senken würde.

 

Übersetzung aus dem Englischen von Darmina Jašarević, Dijana Osmanović, Julia Rader

© www.streetnewsservice.org

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