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Andre und ich essen Pizza

 Augustin (Austria) Montag, 14. Februar 2011

Ist dem Bettler bewusst, von wessen Almosen er hier lebt? Über den gescheiterterten Versuch eines Augustin-Mitarbeiters, in die Welt eines Bettlers im Brüsseler Europaviertel einzudringen. (1399 Wörter) - Von Klaus Federmair

24. Dezember. Die für Brüsseler Verhältnisse erheblichen Schneemassen beginnen sich in Matsch zu verwandeln. Zwischen den riesigen Eurokratenburgen verlieren sich nur vereinzelt Menschen. Die meisten haben längst ihren Heimaturlaub irgendwo in Europa angetreten. Unmittelbar vor der österreichischen EU-Vertretung sitzt frierend ein etwa 25-jähriger Mann und bettelt die wenigen Passanten an.

Was denkt ein junger Bettler über die tausenden Beamten, die er in einer normalen Arbeitswoche an ihm vorbeieilen sieht? Ist ihm bewusst, dass er von den Almosen der Akteure des europäischen Machtzentrums lebt? Hat er eine Ahnung davon, wie gut sie verdienen? Warum verbringt er gerade den Weihnachtstag in dieser für zwei Wochen fast menschenleeren, vom Schnee eingeweichten Betonwüste, wo er sicher nur einen Bruchteil dessen erbetteln kann, was er zur gleichen Zeit von den Weihnachtsgeschenkkäufern in den Einkaufsstraßen des Stadtzentrums bekommen könnte? Wo ist seine Familie?

Ich gehe auf den Bettler zu, werfe ein Geldstück in seinen Becher und mache ihm einen Vorschlag: «Würden Sie eine Essenseinladung annehmen und mir dafür ein Interview für eine Zeitung geben?» Meine französische Frage beantwortet er mit der Gegenfrage, ob ich spanisch spreche. «Nur ganz wenig», antworte ich wahrheitsgemäß. Dass das mit dem Interview nichts wird, ist mir schon klar, als der Bettler sich erhebt, um mir zum nächsten Restaurant zu folgen.

Dasselbe und ein Cola

Die Pizzeria ist fast leer. Uns wird ein Platz am Rand des Lokals zugewiesen. Ich fühle mich mit meinem Gast ins Abseits gedrängt und spüre misstrauische Blicke der drei Kellner, die nichts zu tun haben, als uns zu beobachten. Ich kann mich nicht auf die Speisekarte konzentrieren und finde die Seite mit den Pizzen nicht. Meinem Gast scheint es ähnlich zu gehen, er starrt unentwegt in die Karte. Schließlich finde ich die Pizzaseite erst mit Hilfe eines Kellners und bestelle eine Thunfischpizza. Mein Gegenüber murmelt etwas, das wohl bedeutet, dass er dasselbe will. Als Getränk bestellt er von mir abweichend ein Cola. Das beruhigt mich irgendwie.

Er komme aus Spanien, Sevilla, sagt der junge Mann. Seine wenigen Worte - er sagt sie ganz leise - klingen für mich nicht so, als entsprängen sie seiner Muttersprache. Andererseits kann ich das nicht wirklich beurteilen. Ob er noch andere Sprachen spreche, frage ich, um herauszufinden, ob er vielleicht ein Zigeuner ist. «Zigeuner», denke ich, weil es einfacher ist als «Roma und Sinti»; nach Romaneskenntnissen zu fragen, wage ich nicht.

Unser Gespräch verläuft äußerst stockend. Mein Minimalspanisch ist ein Hauptgrund, seine schüchterne, kaum hörbare Artikulation ein anderer. «Hast du Arbeit für mich?», ist das erste, was er mich fragt. «Putzen zum Beispiel.» Mir fällt ein, dass eine Putzhilfe bei der bevorstehenden Übersiedlung sehr nützlich sein könnte. Aber zugleich bin ich nicht sicher, ob ich dem Mann unsere Wohnung anvertrauen möchte. Jedenfalls kenne ich eine mir vertrautere Person, die diesen Job gern übernehmen würde.

Seit zwei Wochen sei er in Brüssel, sagt er. Habe ich ihn nicht schon vor ein paar Monaten an derselben Stelle betteln sehen? Jetzt erst bemerke ich, dass er immer noch seine zwei Jacken anhat und beide Kapuzen immer noch über den Kopf gezogen sind. Vielleicht war das vor ein paar Monaten doch ein anderer Bettler? Ich überlege, ihm vorzuschlagen, seine Jacke auszuziehen, wie man das in einem Restaurant üblicherweise macht, lasse es aber bleiben. Wahrscheinlich muss er seinen Körper möglichst warm halten, um auf der Straße besser durchzuhalten.

Eine gehörige Portion Misstrauen

Die Kellner weisen vier neuen Gästen einen Platz gleich neben unserem Tisch zu. Ich schäme mich dafür, den Kellnern schon beim Hereingehen unterstellt zu haben, dass sie uns als Feinde sehen. Ich schäme mich auch dafür, meinem Gast Lügen zu unterstellen. Andererseits: Hat er nicht allen Grund, Dinge zu erfinden, um durch mich seine miserable Situation etwas zu verbessern? Und habe ich dann nicht allen Grund, ihm zu misstrauen? Reflexartig greife ich nach meiner Geldbörse und suche meinen Fotoapparat. Alles noch da.

500 Euro koste seine Unterkunft in Brüssel, dort seien auch seine Frau und sein einjähriges Kind. Eine Gemeinsamkeit! Ich will wissen, ob er, so wie ich, erst seit kurzem Vater ist. Ein Jahr sei sein Kind, er habe keine Weihnachtsgeschenke und vor zwei Tagen habe es Geburtstag. Gehabt? Ich frage nach: «In zwei Tagen oder vor zwei Tagen?» In zwei Tagen. Natürlich, ein weiteres Argument, um Geld zu bekommen. Mein Misstrauen ist nach wie vor intakt. Trotzdem interessiert mich das Kind, an dessen Existenz ich nicht zweifle. Ich möchte seinen Namen erfahren. Da wird mir bewusst, dass ich noch nicht einmal den Namen meines Gesprächspartners kenne. Höflichkeitshalber stelle ich mich vor und frage ihn nach seinem Namen. Wieder kommt die Antwort leise und zögerlich. Erst nach mehreren Wiederholungen bin ich relativ sicher, dass er Andre heißt. Sollte ein echter Spanier nicht Andrés heißen? Egal, die Zigeunerfrage wird heute nicht mehr geklärt. Sie ist auch nicht so wichtig. Mir wird immer mehr bewusst, dass ich bei diesem Mittagessen mehr über mich selbst als über Armut, Ausgrenzung, Migration und dergleichen erfahre. Oder über Andre. Immerhin fühle ich mich jetzt berechtigt, Andre nach dem Namen seines Sohnes zu fragen. Samuel, ein schöner Name.

Andre kämpft mit der Pizza. Er schneidet sie ungeschickt. Die Gabel in der rechten, das Messer in der linken Hand. Auch sein Appetit scheint Andre im Stich zu lassen. Bei der Hälfte - ich habe längst aufgegessen - gibt er auf. Er kommt noch einmal auf die Miete zu sprechen. Ob ich ihm nicht mit 100 Euro aushelfen könne. Ich verneine mit dem Argument, dass ich meine eigene Miete zahlen müsse und für meine eigene Familie verantwortlich sei.

Eine Prise Kommunikation

Ich versuche, ein bisschen mehr über Andre zu erfahren. Ob er denn nie eine Arbeit gehabt habe. Nein, meint er - wenn ich es richtig verstehe. Wie lang er in die Schule gegangen ist? Andre scheint die Frage nicht zu verstehen. Ich wiederhole sie. «Escuela» ist doch das spanische Wort für Schule? Da bin ich mir ziemlich sicher. Andre scheint mir jetzt manchmal in die Augen zu blicken und sogar kurz zu lächeln. Vielleicht bilde ich mir das aber nur ein. Ob er gelernt hat? Studiert? En la escuela? Nein. Er schaut mich an. Ich schaue ihn an. Er versteht nichts von meiner Welt, ich verstehe nichts von seiner. Aber wir können miteinander reden. So recht und schlecht. Das ist besser als nichts. «Kannst du lesen?» «Ein bisschen», sagt Andre.

Ich frage Andre, ob er noch Tee oder Kaffee will. Er verneint. Ich bestelle die Rechnung. Der Kellner fragt etwas unsicher, ob er unsere Teller abservieren dürfe. Jetzt mache ich doch, was mir vorher noch zu peinlich gewesen ist: Ich lege Andres Gabel parallel zu seinem Messer. Das Zeichen, dass man mit dem Essen fertig ist, kennt er offenbar nicht.

28 Euro macht die Rechnung. Umständlich krame ich in meiner Geldbörse. Ein Fünfziger, ein Zwanziger, ein Fünfer, kaum Münzen. Ich spüre Andres Blicke. So zu tun, als hätte ich gerade noch das Geld für die Zeche, spielt es nicht. Scheine müssen auf den Tisch. Der Fünfziger für den Kellner, der Fünfer für Andre. Er weist noch einmal auf die hohe Miete hin, auf Weihnachten, das fehlende Geschenk für seinen Sohn. Für Andres vermeintliche Geschichte gebe ich über 30 Euro aus, aber nur etwas mehr als fünf bekommt er selbst. Ausbeutung. Die zwei Euro Trinkgeld für den Kellner versuche ich, mit meiner Hand zu verdecken. Sie gehen an den Falschen, aber so gehört es sich nun einmal. Beim Hinausgehen erhöht Andre den Druck auf mein schlechtes Gewissen und kassiert auch noch den Zwanziger.

Eine seltsame Begegnung. Keine meiner Fragen wurde beantwortet. Ich habe nicht das Gefühl, jemandem wirklich geholfen zu haben, ich habe keinen Freund gewonnen. Lediglich der Händedruck und Andres Lächeln zum Abschied bleiben mir recht angenehm in Erinnerung.

Bitte den Artikel wie folgt beschriften:

Original veröffentlicht von Augustin. © www.streetnewsservice.org

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