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Frei wie ein Hund

 Augustin (Austria) Montag, 14. Februar 2011

Gyula «Bolygo» Gyurkó ist ein Vagabund. Mit seinem 160 Kilo schweren Anhänger zieht der Wandermusikant freiluftkonzertierend durch Europa. In die Schlagzeilen geriet er allerdings nicht wegen seiner Musik, sondern weil er in Wien beinahe umgebracht worden wäre. (1461 Wörter) - Von Clemens Marschall

Augustin_ Frei wie ein Hund

Ein Vagabund und Straßenmusiker, der seinen Handwagen in Wien parkte und von drei Jugendlichen auf brutalste Weise attackiert wurde – Gyula Gyurkó. Fotos: Klaus Pichler

Die Zigarette hängt schief aus seinem Mund. Seine Schuhe sind abgetreten. Der Bart steht seit deutlich mehr als drei Tagen, und die Furchen im Gesicht dokumentieren ein hartes Leben. Der rund fünfzigjährige Ungar Gyula «Bolygo» Gyurkó lebt nun seit mehr als 20 Jahren auf der Straße, seit Dezember 2009 in Wien. «Ich habe schon alles gesehen: Ungarn, Deutschland, Österreich, Spanien, England, Skandinavien, drei Jahre Niederlande, Belgien. Ich komme von Ost und gehe nach West», sagt er in gebrochenem Deutsch und nicht ohne Stolz. Über das Leben vor seiner Wanderzeit redet er nicht so gerne. Lichtmeister in einem Budapester Theater sei er gewesen, erzählt er und schweigt zu den Motiven seines existenziellen Bruchs.

Sein Hab und Gut führt er auf einem nicht motorisierten Anhänger mit sich: Kleidung, Kochgeschirr, Zelt, Schlafsäcke - und seine Instrumente, die er bei Schönwetter tagtäglich auf dem Platz der Vereinten Nationen vor der UNO-City aufbaut. So steht er zwischen zwei Boxen, die mit abenteuerlichen Kabeln an eine Autobatterie angeschlossen sind, und spielt auf zwei Keyboards Schlagermusik. Selbst komponierte, wie er mit gehobenem Zeigefinger betont. Hinter dem Spendenkörberl hat er ein Schild aufgestellt: «Ich bekomme keine Sozialhilfe, ich bin Wandermusikant!!! Dankeschön.» Etwa sechs «Sessions» hält er pro Tag ab, in denen er fünf Lieder im Rad spielt. Seine Songs sind sehr emotional, von rasant bis kitschig, energisch bis schnulzig. «Derzeit hab ich kein Mikro, sonst würde ich noch dazu singen.»

An seinem Auftreten kann es nicht gelegen haben, dass er am 1. April 2010 um fünf Uhr Morgens nur knapp dem Tod entrann: Denn Gyurkó schläft zu dieser Zeit in seinem Schlafsack nahe der U-Bahn-Station Kaisermühlen im 22. Wiener Bezirk. Zwei Burschen, einer 14, der andere 19, und ein 15-jähriges Mädchen setzen sich auf eine Bank, nicht weit von Gyurkó entfernt. Der will in Ruhe schlafen und fordert die Jugendlichen auf, wegzugehen. Die Buben treten daraufhin mit den Füßen auf Gyurkós Kopf ein. Der 14-Jährige zückt ein Küchenmesser und sticht so lange auf ihn ein, bis die Klinge in Gyurkós Rücken stecken bleibt und abbricht. Die Teenager flüchten mit der U-Bahn. Für den schwer verletzten Gyurkó folgt ein zweiwöchiger Krankenhausaufenthalt. Auf den Bildern der Überwachungskameras in der U-Bahn-Station kann er die Täter identifizieren. Das Trio wird rasch ausgeforscht: Der 14-Jährige, wegen einer Reihe von Sachbeschädigungen bereits amtsbekannt, gibt bei der Einvernahme an, nachts immer ein Messer bei sich zu tragen - aus Sicherheitsgründen. Gyurkós lakonischer Kommentar nach dem Verlassen des Spitals: «Das waren nicht meine Freunde.»

Die brutale Attacke auf den Vagabunden verstört umso mehr, wenn man Gyurkos Fähigkeit beobachtet, rund um seine Einsatzorte im öffentlichen Raum in kürzester Zeit soziale Netze zu spinnen, die ihm abgesehen von seiner Zähigkeit sein Überleben sichern. Mit seiner Offenheit schafft er es glänzend, sich mit den umliegenden Imbissbudenbesitzern, Trafikbetreibern und Taxifahrern zu arrangieren. Klopft er sich mit Blick Richtung Kebabverkäufer seines Vertrauens auf den Bauch, kriegt er etwas zu essen. Auch fürs Trinken reicht eine festgelegte Handbewegung, deren Nuancen über die Wahl zwischen Bier und Jägermeister entscheiden. Der türkischstämmige junge Mann in der Imbissbude meint scherzend über Gyurkó, den hier alle Julius nennen: «Julius ist Ungar, aber nix deppad. Ich habe ihn kennen gelernt, als er im Winter hierher gekommen ist. Er war draußen mit seinem Wagen und hat mich gefragt, ob er bei uns seine Autobatterie an den Strom stecken und aufladen darf. Jetzt lädt er sie hier immer über Nacht auf.» Außerdem hat Gyurkó in dem Stand seinen kleinen Fernseher, Fotos und Papiere deponiert. «Zumindest glaube ich, dass das offizielle Papiere sind - ich habe da nie reingesehen», so der vertrauensvolle Herr im Imbissstand.

Die Wagerl-Frage

Seit einigen Wochen kommt auch ein kleines Mädchen jeden Tag nach der Schule zu Gyurkó. Er bezeichnet sie als «mein größter Fan. Aber ich berühre alle Menschen.» Ein etwa 30-jähriger Mann mit einem Leiberl, auf dem «immer fett '98» zu lesen ist, setzt von seiner Bier-Dose ab und nickt von der Seite: «Nach der Hackn bin ich regelmäßiger Besucher seiner Konzerte und genehmige mir dabei ein, zwei Bier.» Ein Straßenkehrer grüßt Gyurkó laut aus der Ferne: «Seas, Oida! Einer von den Taxlern hat g'meint, du brauchst a Bandl fürs Wagerl. Ich hab eins z'haus, aber vergessen. Ich nehm's da morgen mit, ok?»

Ob altes Wagerl auf Vordermann bringen oder gleich ein neues kaufen: Diese Frage beschäftigt derzeit den ganzen Platz der Vereinten Nationen. Einige Taxifahrer sind für eine Neuanschaffung und studieren Kataloge verschiedener Baumärkte. Ihr Favorit kostet etwa 200 Euro. Das wäre nicht das Problem, räumt ein Taxler ein, aber dass das Gerät alleine schon 60 Kilo wiegt - das würde Gyurkó das Leben unnötig schwer machen. Der lacht nur: «Ich schaffe alles!» Jetzt kommt Taxifahrer Josef hinzu. Er ist Gyurkós Intimus, begegnet ihm mit Respekt, weswegen Gyurkó seine Ratschläge auch ernst nimmt: «Julius, einer von den Bauarbeitern da drüben hat gemeint, dass er dir die Räder vom alten Wagen reparieren könnte.» Josef, mit einer philosophischen Ader ausgestattet, reflektiert Gyurkós Vagabunden-Dasein: «Julius ist trotz aller Radikalität ein Diplomat: Er muss sich mit den Leuten um ihn herum arrangieren - und das tut er. Er hat eine Einfachheit und Zutraulichkeit. Er hat nichts, aber gibt trotzdem - das ist wahre Großzügigkeit. Und Großzügigkeit ist die größte Tugend des Menschen.»

Gyurkos Wahlverwandte vom Platz der Vereinten Nationen packt immer noch das Grauen, wenn die Sprache auf den 1. April kommt -  der Kebabverkäufer steht noch unter Schock: «Ich hab das erst bemerkt, als die Polizei gekommen ist und seinen Wagen weggeschoben hat. Ein Polizist kam dann zu mir und hat mir erzählt, was mit Julius passiert ist. Er hat gleich gesagt, ich soll keine Angst um ihn haben. Aber ich habe mir Sorgen gemacht und gedacht, er wird vielleicht sterben.»

Meine einzige CD

Es ist später Nachmittag, ein weiterer Konzertdurchlauf des vermeintlich toten Gyurkó ist nun vorbei. Er dreht seine Anlage ab, geht zum Imbissstand und verlangt seine dort deponierte CD. Der Kebabverkäufer greift routiniert in ein Fach nach oben und händigt «Julius» sein Gepäck aus. Der geht über die Straße und gibt die CD einem «seiner» Taxifahrer, der ihn schon aus der Ferne begrüßt: «Was ist los bei dir, Mozart?» Der Taxler schenkt ihm zur Begrüßung ein Kapperl und legt den Tonträger im CD-Player seines Dienstwagens ein. Darauf findet sich ein einziges Lied, das zehn Minuten dauert. Aus der offenen Taxitür tönen schmachtvolle Melodien, über die Gyurkó mit ungarisch akzentuiertem Deutsch singt. «Das ist meine einzige CD, ich habe nur ein Stück davon, also Vorsicht! Es handelt von einer Frau, die ich liebe.» Er hat es in einem Studio von einem Freund in Deutschland aufgenommen. Ein Kunde nähert sich dem Taxi, und das Lied muss bei der Hälfte abgebrochen werden. Gyurkó bekommt sein Einzelexemplar wieder zurück, verpackt es vorsichtig und meint auf dem Weg zum Kebabstand, wo sie wieder zwischengelagert werden soll: «Viele Leute fragen, ob ich eine CD habe. Ich kann nur sagen: Ja, aber die gehört mir.» Er hat Pläne, sie zu vervielfältigen und zu verkaufen. «Vielleicht macht das ein Freund in Ungarn.»

Nun senkt sich die Sonne, und es ist Zeit für Gyurkó, sein Equipment abzubauen und auf seinen Wagen zu schichten. Innerhalb weniger Minuten ist sein Vehikel komplett geordnet. Er zieht seinen Besitz zum Schlafplatz hinter der U-Bahn-Station. «Wenn ich mit meinem Wagen spazieren gehe und in einer Stunde 500 Meter schaffe, dann bin ich Niki Lauda. Wenn ich über 500 Meter spaziere, bin ich Schumacher!», scherzt Gyurkó. Die Frage, wie er mit dem schweren Wagen die weiten Wege durch Europa zurücklegen kann, entlockt ihm nur ein lautes Lachen: «Keine Ahnung, wenn du mich so fragst. Das ist Vagabundenleben. Im Mozartjahr bin ich von Deutschland nach Österreich, ich habe mir zweimal ein Ticket für den Zug gekauft, und beide Male wurde ich rausgeschmissen - wegen meinem Wagen.» Wie er es dann tatsächlich geschafft hat, bleibt sein Geheimnis. Nach getaner Arbeit holt sich Gyurkó noch zwei Dosen Bier und hält Feierabend. «Aber das nächste Konzert findet ja schon morgen statt.»

 

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Original veröffentlicht von Augustin. © www.streetnewsservice.org

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