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Das Buch der Waisen

 Augustin (Austria) Freitag, 18. Februar 2011

Wie in Jerusalem aus 55 Flüchtlingskindern mit viel Mut und Engagement ein Waisenhaus und eine Mädchenschule entstand. Eine Geschichte über starke palästinensische Frauen und ihr Lebenswerk. (889 Wörter) - Von Andreas Hackl

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Augustin_ book of the orphans

 Photo: The orphanage’s record of its first residents – survivors of the massacre of Deir Yassin. Photo: Andreas Hackl

Hind Husseini betritt die Altstadt von Jerusalem. Sie ist auf dem Weg zu einem wichtigen Treffen. Es geht um die arabische Bevölkerung Palästinas, um Hunderttausende, die vor den Kämpfen des arabisch-israelischen Krieges auf der Flucht sind.

An diesem 9. April 1948, ein Monat vor der Gründung des Staates Israels und des darauffolgenden Angriffs der arabischen Nachbarländer, stößt Hind plötzlich auf eine Gruppe von Kindern. Zusammengedrängt auf einem Haufen, verschreckt und müde stehen sie da. Es sind über fünfzig Mädchen und Buben. Viele von ihnen Schluchzen und machen einen verwahrlosten Eindruck. «Was ist passiert, und was macht ihr hier, alleine auf der Straße?», fragt Hind das älteste der Mädchen. «Wir sind aus Deir Yassin. Man hat uns hier abgesetzt», sagt sie. Ihr Name ist Zeina. Sie und die anderen Kinder hatten sich die Nacht über vor den Kämpfen in ihrem Dorf versteckt. Danach haben die jüdischen Milizen die überlebenden Kinder am Dorfplatz versammelt, auf einen Lastwagen geladen und vor dem muslimischen Viertel der Altstadt wieder abgesetzt. «Geht zu den Arabern», hat man ihnen gesagt. Die Kinder sind Überlebende des «Massakers von Deir Yassin».

Hind Husseini hat sie gefunden. Und sie hat sie versorgt. Zuerst in kleinen Wohnungen in der Altstadt, aber als der arabisch-israelische Krieg in vollem Ausmaß zu wüten begann, wurde es dort zu gefährlich. Hind brachte die Kinder in die Villa ihres Großvaters im Stadtteil Sheikh Jarrah. Damit war das «Dar Al-Tifl» («Heimat für Kinder») geboren. So ist das Schicksal der 55 Kinder, die das Massaker in Deir Yassin überlebt haben, in die Geburt einer großartigen Institution gemündet. Dar Al-Tifl sollte den Waisen des Krieges ein Dach über dem Kopf bieten. Und es sollte ihnen Bildung geben.

Das ist auch heute noch das Ziel von Dar Al-Tifl. Hind Husseini ist schon vor 16 Jahren gestorben. Ihre Nachfolgerin ist Mahira Dajani. Sie macht einen sehr ruhigen und gelassenen Eindruck. Sie ist alt. «Wie alt?», frage ich. «Das sage ich nicht», sagt sie und lacht neckisch. «Ich bin in der Nähe von achtzig.» Ihr Büro im Dar Al-Tifl wirkt sehr gemütlich. Ein bisschen wie ein Wohnzimmer. Im hinteren Eck steht eine große Couch, und die gesamte hintere Wand ist verglast. Von hier sieht man die hügelige Landschaft Jerusalems und die vielen weißen Häuser des umliegenden Stadtteils. An den übrigen Wänden hängen Bilder und gerahmtes Textil-Handwerk. «Das haben unsere Kinder gemacht», erklärt sie. Das Dar Al-Tifl ist heute nicht nur ein Waisenhaus, sondern auch eine Mädchenschule, ein Museum und Hoffnungsträger einer Generation von jungen Frauen.

«Unsere Mädchen sind anders als Mädchen in anderen Schulen», sagt Mahira stolz. «Sie sind gebildet und unabhängig. Viele Feministinnen schicken ihre Mädchen hierher. Eltern, die wollen, dass ihre Töchter es später einmal leichter haben.» Immer wieder, so Mahira, hätte das Dar Al-Tifl in schwierigen Zeiten für Bildung gesorgt. Auch während der vielen gewalttätigen Auseinandersetzungen. In den späten achtziger Jahren, während der palästinensischen Intifada, haben Lehrer und Schülerinnen Jacken und Hüte für Gefangene genäht und Familien mit Essen und Kleidung versorgt. Viele Schulen wurden damals geschlossen und der Unterricht geheim in Wohnungen abgehalten. «Und in den Dörfern haben wir die Kinder unter Bäumen unterrichtet», sagt sie.

Das Dar Al-Tifl ist heute eine reine Mädchenschule. Damit wurde der Mangel an guter Bildung für Mädchen überwunden, erklärt Mahira. Auf die Frage, welche besondere Rolle Frauen im Gegensatz zu Männern für die Zukunft Palästinas spielen könnten, antwortet sie: «Sie sind ernster und arbeiten härter. Besonders wenn man ihnen die Möglichkeit gibt, sich für etwas einzusetzen, zögern sie nicht und arbeiten hart für ihre Ziele.»

Heute sind nur mehr zwanzig Waisen-Mädchen rund um die Uhr im Haus untergebracht. Nachdem Israel den Gazastreifen abgeriegelt hatte, mussten in etwa 150 Mädchen dorthin zurück, erklärt Mahira und beteuert die aktuelle Situation: «Wir geben Ihnen alles, was sie brauchen. Ich wünschte aber, es wären mehr hier als zwanzig. Wir haben 300 Betten, genügend Köche und Platz für viele Kinder.»

Mahira Dajani steht von ihrem Bürosessel auf und geht hinüber zur Couch. «Ich will Ihnen etwas zeigen», sagt sie. Am Couchtisch liegt ein sehr altes Buch. Die Seiten hat die Zeit gelbbraun gefärbt, und einige Blätter hängen lose an den Seiten heraus. Es ist das Buch der Waisen. Sie streicht mit ihrer Hand sanft über den Umschlag und öffnet es. «Das sind die ersten Mädchen», sagt sie. Dort sind sie, gesammelt in kleinen Schwarz-Weiß-Fotos: Die Überlebenden des Massakers von Deir Yassin. Die ersten Waisen im Dar Al-Tifl.

«Und Ihre Arbeit?», frage ich sie. «Was bedeutet sie für Sie?» Sie schweigt ein paar Sekunden. Mahira Dajani blickt geradeaus, mit weit geöffneten Augen. «Wenn ich sehe, wie die Mädchen lachen, wie sie spielen und ihr Leben genießen, dann bin ich glücklich. Ja, ich brauche ihr Glück, um selbst glücklich zu sein.»

Originally published by Augustin © www.streetnewsservice.org

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