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Grafitstaub über Santa Cruz – Proteste gegen ThyssenKrupp-Tochterunternehmen

 IPS Montag, 7. März 2011

Im brasilianischen Rio de Janeiro ist es zu einer Demonstration gegen die ThyssenKrupp-Tochter 'Companhia Siderúrgica do Atlântico' (TKCSA) gekommen. Dutzende Demonstranten warfen der Niederlassung des Essener Stahlkochers vor, mit seinem riesigen Hüttenwerk im Westen der Zuckerhutmetropole die Gesundheit der Menschen zu schädigen und die Lebensgrundlage der lokalen Fischer zu zerstören. (688 Wörter) - Von Fabiana Frayssinet

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IPS_ Grafitstaub über Santa Cruz – Proteste gegen ThyssenKrupp-Tochterunternehmen

Demonstration gegen die ThyssenKrupp-Tochter - Bild: Fabiana Frayssinet /IPS

Zu der Kundgebung am 25. Februar vor den bundesstaatlichen Umweltministerium (SMA) brachten die Bewohner von Santa Cruz, dem Sitz von TKCSA, den Metallstaub mit, der am gleichen Tag über das Rio-Viertel niedergegangen war. Unterstützt wurden sie von lokalen Sozial- und Umweltverbänden sowie einigen Lokalpolitikern. So erklärte der Provinzabgeordnete Marcelo Freixo von der Sozialismus- und Freiheitspartei, dass der 'Grafitregen' das Leben der Menschen in einen Alptraum verwandelt habe.

Die Bewohner von Santa Cruz und die Fischer der benachbarten Sepetiba-Bucht forderten die bundesstaatliche Umweltbehörden auf, der ThyssenKrupp-Tochter eine dauerhafte Betriebsgenehmigung zu verweigern. SMA-Vertreter erklärten sich nach Gesprächen mit den Demonstranten bereit, den Wunsch zu beherzigen, bis die Anlage gefahrenfrei für Mensch und Umwelt funktioniere.

Großinvestition

ThyssenKrupp ist mit 73,13 Prozent an TKCSA beteiligt. Die brasilianische Firma 'Vale' hält die übrigen Aktienanteile. Das vom ehemaligen Staatspräsident Luiz Inácio Lula da Silva im Juni 2010 eingeweihte Werk gilt als die größte Investition in Brasilien der letzten 16 Jahre. Mit einem Volumen von 5,2 Milliarden Euro ist das derzeit in der Hochlaufphase befindliche Investitionsprojekt zugleich auch das größte von ThyssenKrupp. Das Werk, das derzeit 2.000 Menschen beschäftigt, soll 2011/2012 fünf Millionen Tonnen Stahl produzieren. Zwei Millionen Tonnen sollen in Europa und drei Millionen Tonnen in den USA weiterverarbeitet werden.

Wie Alexandre Dias, Wissenschaftler der renommierten Oswaldo-Cruz-Gesundheitsforschungsstiftung 'Fiocruz', berichtete, besteht kein Zweifel daran, dass sich die Metallverarbeitung in Santa Cruz negativ auf die Gesundheit der Lokalbevölkerung auswirkt. Er befürchtet, dass die Menschen vor Ort bleibende Schäden davontragen werden, da neben Grafit auch andere Schadstoffe, die in offenen Waggons abtransportiert würden, freigesetzt würden.

"In der Stahlindustrie gibt es keine anderen Schadstoffe", sagte Ewald Schneider in einer Stellungnahme des ThyssenKrupp-Konzerns gegenüber IPS. Auch Grafit sei gesundheitlich ungefährlich. Seit einem Störfall im Dezember sei es in der neun Quadratkilometer großen Anlage in Santa Cruz zu keinem Störfall mehr gekommen. Ein bisschen Grafit werde immer aufgestoßen, das sei auch im Duisbuger Werk der Firma nicht anders. Anders als die Brasilianer seien die Deutschen "seit 120 Jahren daran gewöhnt, dass auch schon mal mehr Grafit austritt".

Die Luftverschmutzung in Santa Cruz sei sehr wohl dauerhaft und an einigen Tagen so intensiv, dass die Menschen vor Ort mit Grafitstaub regelrecht bedeckt würden, sagten hingegen die Demonstranten auf der Kundgebung vom 25. Februar. Die Partikel stellten vor allem für Kinder und ältere Menschen eine Gesundheitsgefahr dar, kritisierten sie in einer Mitteilung. Wie Eliana Mesquita aus Santa Cruz berichtete, sind bei vielen Menschen vor Ort seit der Inbetriebnahme des Metallhüttenwerks im letzten Jahr Reizungen der Augen, der Nasenschleimhäute und auch Ohrenschmerzen verbreitet.

Im Dezember hatte die Staatsanwaltschaft von Rio de Janeiro auf Grundlage von Unersuchungen des Instituts für Geowissenschaften der Föderalen Universität von Rio de Janeiro Klage gegen TKCSA erhoben. Dem Institut zufolge wurden Grenzwerte um bis zu 600 Prozent überschritten - ein Vorwurf, den der Unternehmenssprecher Schneider zurückwies. "Über den Fall ist noch lange nicht entschieden", erklärte er gegenüber IPS.

Rückläufiger Fischfang

Auf der Kundgebung vom 25. Februar war auch zu hören, dass die Verseuchung der Sepetiba-Bucht die Lebensgrundlage von 8.000 Fischerfamilien gefährde. Vor der Ansiedlung der Werksanlage hätten die lokalen Fischer an einem Tag zwischen 4.600 bis 5.400 Kilo Fisch am Tag gefangen", erklärte der Fischer Jaci do Nasciemento. Inzwischen gingen nach einem 16-Stunden-Tag insgesamt nur noch 3.400 Kilo ins Netz.

Im Januar hatten die lokalen Umweltbehörden angekündigt, die Vorwürfe gegen den deutschen Stahlriesen durch eine unabhängige Untersuchung klären zu lassen. Die Auswahl fiel auf die Firma 'Usiminas'. Ihr werfen Kritiker jedoch Beziehungen zum brasilianischen TKCSA-Anteilseigner vor.

Wie der Provinzabgeordnete Freixo betonte, geben auch Drohungen gegen Anrainer Anlass zur Sorge, die sich gegen den Staubregen wehren. So sei bereits eine Person unter Polizeischutz gestellt worden. Die Betroffenen verweisen auf illegale Milizen, die TKCSA als Werkschützer beschäftigen soll. Auch diesen Vorwurf wird von ThyssenKrupps zurückgeweisen.

Original veröffentlicht von Inter Press Service. © www.streetnewsservice.org

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