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Blutig entlassen

 BISS (Germany) Montag, 28. März 2011

Patienten verlassen das Krankenhaus immer früher. Diese Entwicklung hat System. Offiziell spart man Kosten, aber die angeblich Geheilten kommen wieder – mit neuen und alten Wunden. (1070 Wörter) - Von Johan Kornder

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BISS_Blutig entlassen

 Nelly Küfner

Unternehmen Menschlichkeit. Spitzenmedizin mit Spitzenservice. Komfort eines Luxushotels. So werben Krankenhäuser um ihre Patienten. Oder sollte man eher sagen: um ihre Kunden? Denn dazu sind Patienten verkommen, seit ab 2004 die Fallpauschalen eingeführt und die Patienten in diagnosebezogene Fallgruppen eingeteilt werden. Der Unterschied: Früher wurden die Tage gezählt, die ein Patient in der Klinik verbrachte, und man rechnete diese ab, was häufig dazu führte, dass auskurierte Menschen nicht entlassen wurden. Heute ist für jede Behandlung eine Pauschale abzurechnen. Das Krankenhaus bekommt also dasselbe Geld, egal ob ein Patient nach seiner Operation zwei oder fünf Tage dort verbringt. Da ist es natürlich von Vorteil, wenn die behandelten Personen möglichst schnell wieder verschwinden.

Imran S. hat eine solche Behandlung am eigenen Leib erfahren. Nach einer Fußoperation unter Vollnarkose schickten die Ärzte die Frau noch am selben Tag nach Hause, mit der Auflage, ihr Bein nicht zu belasten. Monate später ist ihr Fuß immer noch blau und geschwollen, schmerzt bei jedem Schritt. "Ich bin überzeugt, dass der Fuß besser verheilt wäre, wenn ich ein paar Tage Ruhe gehabt hätte. Die Belastung zu Hause ist doch eine andere als im Krankenhaus." Wäsche, Mittagessen, Einkauf. Obwohl Imran S. von ihrer Familie unterstützt wurde, ließ sich der Fuß nicht komplett schonen. Denn wenn Mann und Kinder arbeiteten, war sie doch auf sich allein gestellt. Die 52-Jährige hat früher selbst in einer Klinik gearbeitet. Sie kennt noch die Zeiten, in denen die Patienten nicht gehen durften, aus
Kostengründen. Sie selbst kann man mittlerweile als Expertin für kurze, zu kurze Krankenhausaufenthalte bezeichnen. Nach ihrer Belastung daheim - "ich musste mir doch wenigstens Wasser holen", sagt Imran S. - verschob sich die in den Knochen gedrehte Titanschraube. Acht Wochen nach der ersten OP musste Imran S. erneut unters Messer. 11.15 Uhr Operation, 15 Uhr aufgewacht, Aufwachraum bis 17 Uhr, anziehen, um 19 Uhr war sie wieder zu Hause. Die Schraube wurde entfernt, jetzt hat sie ein Loch im Knochen, der nach Auskunft der Ärzte mehrere Monate zur Heilung brauchen wird. "Wenn ich nach dem ersten Eingriff ein paar Tage im Krankenhaus gelegen wäre, hätte ich mir die zweite Operation gespart", sagt sie und hofft nun, dass zumindest kein dritter Eingriff nötig ist. Läuft Imran S. durch ihre Küche, tritt sie behutsam auf, belastet auf der Ferse. "Der Fuß fühlt sich gar nicht gut an", sagt sie über die Schmerzen. Im April muss sie zur Nachuntersuchung. Das Krankenhaus wird dann schon die dritte Pauschale für den Fall abrechnen.

Der Münchner Anästhesist Dr. Peter Hoffmann vom Verein demokratischer Ärztinnen und Ärzte (VDÄÄ) kennt Fälle wie Imran S. zur Genüge. Zur aktuellen Situation in deutschen Krankenhäusern sagte er: "Die Einführung der Fallpauschalen folgt schlicht betriebswirtschaftlicher Logik. Was wirklich sinnvoll ist, wird nicht erfragt." Diesem wirtschaftlichen Druck folgend, sinkt seit Jahren die Verweildauer in den Krankenhäusern - bei einer steigenden Zahl von Operationen. Mehr Operationen bei kürzerer Liegezeit bedeuten eben mehr Geld für die Klinik. Im Jahr 2010 sank die Verweildauer im Durchschnitt erstmals unter acht Tage. Vor 20 Jahren lagen die Patienten mit durchschnittlich 14,1 Tagen noch fast doppelt so lange.

Doch sind kürzere Verweildauern grundsätzlich schlecht? Wer liegt schon gern in einer Klinik? Für manche Patientengruppen haben die kürzeren Aufenthalte tatsächlich einen Vorteil, findet selbst der systemkritische Arzt Hoffmann. Zum Beispiel für grundsätzlich gesunde Menschen, die nur kleine Eingriffe wie Arthroskopien oder unkomplizierte Blinddarmoperationen über sich ergehen lassen müssen. Diese Menschen seien früher unnötig festgehalten worden. Heute habe sich das Problem umgekehrt. "So bringt jedes Abrechnungssystem seine Fehlanreize hervor", sagt der Anästhesist, der grundsätzlich meint, ein Patient erhole sich zu Hause besser, vor allem reduziere sich die Gefahr, sich mit Krankenhauskeimen zu infizieren. Doch problematisch sei es eben bei Pflegebedürftigen, bei Menschen, die von mehreren Krankheiten geplagt werden, und bei chronisch Kranken. Wenn sich bei diesen Patienten kleine Krisen ergeben, müssen sie ins Krankenhaus, es bekommt Geld für die kleine Krise, der Patient hat aber ein großes Problem. Eigentlich besteht Pflegebedarf. "Für solche Patienten sind die Krankenhäuser nicht mehr gut ausgestattet. Stichwort Personalabbau", sagt Hoffmann. Dass der Kostendruck immens ist, bestätigt auch der "Branchenkompass Gesundheitswesen 2009". Das FAZ-Institut und das Beratungsunternehmen Steria Mummert Consulting haben dafür Klinikmanager befragt. 38 Prozent nannten den Kostendruck als die größte Herausforderung für Kliniken. Vor fünf Jahren sahen das erst 29 Prozent so.

Rein, raus. Krankenhäuser stehen durch das neue Abrechnungssystem unter dem Druck, ihre Patienten möglichst schnell zu entlassen. So entsteht ein weiteres Phänomen: der sogenannte Drehtüreffekt. Der Patient kommt ins Krankenhaus und erhält eine Diagnose. "Wenn die Behandlung abgearbeitet ist, schmeißen wir ihn wieder raus", sagt Hoffmann. Zu Hause verschlechtert sich der Zustand und der Patient läuft (oder humpelt wie Imran S.) durch die Drehtür zurück. "Manchmal noch am selben Tag", sagt Hoffmann. Der Vorteil für die Klinik: Der Patient ist jetzt ein neuer Fall, wird neu diagnostiziert, es wird also erneut eine Pauschale abgerechnet. Der Vorteil für den Patienten? Fehlanzeige. Auch das Gesundheitssystem wird nicht kostengünstiger, wenn sich ein Krankenhausaufenthalt an den anderen reiht. Einzig der Verwaltungsaufwand steigt. "Was im stationären Sektor durch weniger Krankenhaustage eingespart wird, muss zum Teil in der Reha wieder aufgefangen werden", sagte der Chefarzt der orthopädischen Rehabilitations-Klinik Münsterland, Bernhard Greitemann, schon vor drei Jahren im "Deutschen Ärzteblatt". Eine Studie des Instituts für Krankenhausmanagement im Auftrag der Deutschen Rentenversicherung stützt die These. Aus der Befragung ergibt sich, dass mit der Einführung der Fallpauschalen der Aufwand in Reha-Kliniken für Pflege sowie für medikamentöse Behandlungen deutlich
größer geworden ist. 

Ein weiteres Problem sieht Hoffmann darin, "dass wir die Leute entlassen, obwohl es keine Struktur gibt, sie aufzunehmen. Das führt entweder zu stationärer Vollversorgung oder häuslicher Unterversorgung." Eigentlich bräuchten die Patienten eine intensive und eng verzahnte Zusammenarbeit zwischen Krankenhaus, Hausarzt und ambulanter Pflege. Das organisiert und strukturiert aber niemand. Denn damit entsteht Arbeit, finanzielle Anreize fehlen.

Der Münchner Hausarzt Siegfried Rakette kümmert sich trotzdem darum, telefoniert mit Krankenhäusern und Pflegediensten, doch auch er sagt: "Manchmal weiß ich gar nicht, dass ein Patient im Krankenhaus war. Nach dem kann ich dann auch nicht fragen." Rakette praktiziert seit 30 Jahren als Hausarzt, den wachsenden Kostendruck auf die Krankenhäuser sieht er mit Sorge. "So viele Patienten wie möglich durchzuschleusen wirkt sich auf das schwächste Glied der Kette aus." Das ist der Patient - der kranke Kunde. Im deutschen Gesundheitssystem wird er leider nicht wie ein König behandelt.

 

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Originally published by BISS © www.streetnewsservice.org

 

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