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Knackpunkt Auszug

 Surprise (Switzerland) Montag, 28. März 2011

Der Betreibungsbeamte Bruno Crestani spricht Klartext, locker und energisch zugleich. Kennen lernen tun ihn Menschen, die ihre Rechnungen nicht bezahlen und Zürcher Schülerinnen und Schülern. Ihnen legt er in drei Stunden dar, wie schnell ein Schuldenberg angehäuft ist, der sich ein Leben lang nicht mehr abtragen lässt. (613 Wörter) - Von Stefan Michel

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Knackpunkt Auszug

Bruno Crestani  courtesey of Surprise

2005 initiierte er die Schulbesuche, weil die Zahl junger Verschuldeter stark angestiegen war. Die klassische Schuldnerbiografie beschreibt er so: «Früh Schulden machen, früh heiraten, früh Kinder haben und eine frühe Scheidung.»

 

Herr Crestani, warum kämpfen ausgerechnet Sie als Betreibungsbeamter gegen das Schulden machen?

 

Tatsächlich sind wir die einzigen, die etwas davon haben, wenn Menschen Schulden machen: nämlich Arbeit, gute Zahlen und Gebühren, die wir verrechnen können. Aber das kann es nicht sein, dass wir davon profitieren, wenn Junge sich ein Problem aufhalsen, aus dem sie ein Leben lang nicht mehr herauskommen.

 

Wann und wie geraten Jugendliche und junge Erwachsene in die Schulden?

 

Die Männerkarriere fängt mit dem Auto an. Die Leasingraten zahlen sie, bis wirklich nur noch die Nase aus dem Wasser schaut. Dafür zahlen sie keine Krankenkassenprämien und Steuern mehr. Allgemeiner kann man sagen, wer auf zu grossem Fuss lebt und kein Budget macht. Früher musste man das Geld im Portemonnaie haben, bevor man es ausgeben konnte. Heute, mit all den Kundenkarten und Internetkäufen wissen viele gar nicht mehr, wo sie überall offene Rechnungen haben.

 

Wie schnell gerät die Situation aus der Kontrolle?

 

Der Knackpunkt ist, wenn die Jungen von zuhause ausziehen. Vorher wird vieles von den Eltern in Ordnung gebracht. Danach schaut niemand mehr und dann landen die jungen Erwachsenen bald bei uns.

 

Mit Ihren Präventionsvorträgen richten Sie sich an Schüler. Fängt das Schulden machen da schon an?

 

Wir glauben, dass ein Teil schon in der Schule beginnt. Das fängt beim Taschengeld an, beim Handy, dem lustvollen Shoppen. Wir würden es gescheit finden, wenn zuhause mehr über Geld gesprochen würde. Wir stellen immer wieder fest, dass die Schüler keine Ahnung haben, wie viel das Leben kostet. Wir plädieren seit Jahren dafür, dass Budget machen in den Lehrplan integriert wird. 

 

Welche Rolle spielen die Eltern?

 

Die Eltern können durch das eigene Vorbild viel erreichen. Mit dem Taschengeld lernen die Jungen mit Geld umzugehen. Und die Eltern müssen Konflikte aushalten. Ich habe selber zwei Kinder und weiss, wie schwer das manchmal ist. Wenn man immer gleich das Portemonnaie aufmacht, hat man schnell Ruhe, tut den Kindern aber keinen Gefallen.

 

Was erzählen die Schüler über ihre finanziellen Verhältnisse?

 

Erschreckend ist, dass nur etwa ein Drittel ein regelmässiges Taschengeld erhält. Bei zwei Dritteln reicht das Spektrum von kein Geld bis zu den Eltern in der Rolle eines Bankomaten. Unsere traurige Erfahrung ist: Je tiefer die soziale Schicht der Eltern, desto mehr vergolden sie ihre Kinder. Eltern mit sicheren Jobs und gesundem Selbstvertrauen fällt es viel leichter zu sagen: Mir ist es egal, ob Meiers und Müllers mehr Geld geben. Wir machen es genau so - ob es dir passt oder nicht.

 

Wie reagieren die Schüler auf Sie und ihre Fragen?

 

Auf die Frage nach dem Taschengeld reagieren sie fast wie Erwachsene, die man nach ihrem Lohn fragt: die wenigsten sprechen gerne darüber. Ausser dem Angeber, der hinausposaunt: Ich brauche 300 Stutz im Monat. Wo ist das Problem? Ansonsten sind sie interessiert, stellen Fragen, diskutieren mit. Die Lehrer staunen jeweils, dass uns ihre Klasse drei Stunden lang aufmerksam zuhört. Unser Vorteil ist: wir wissen genau, wovon wir sprechen.

 

Haben Sie manchmal das Gefühl, diesen oder jenen Schüler treffe ich später im Betreibungsamt wieder an?

 

Die Gefährdeten erkennt man. Aber ich glaube, dass am einen oder anderen etwas hängen bleibt.

 

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Originally published by Surprise © www.streetnewsservice.org

 

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