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Mörderischer Drogenhandel – Gestorben wird in Mexiko

 IPS Freitag, 25. März 2011

In der US-Grenzstadt El Paso (Texas) ließen die Medien kürzlich die Alarmglocken schrillen: In nur zwei Monaten wurden hier sechs Morde begangen, einer mehr als im gesamten letzten Jahr. Im mexikanischen Ciudad Juárez auf der anderen Seite der Grenze geht man davon aus, dass die letztjährige Mordrekordzahl von 3.111 Fällen 2011 auf jeden Fall überschritten wird. (865 Wörter) - Von Daniela Pastrana und Aprille Muscara

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IPS_Mörderischer Drogenhande

Von Ciudad Juárez aus sind die Lichter von El Paso zu sehen  Daniela Pastrana/IPS

Eine Computersimulation von Alberto Ochoa, Wissenschaftler der Autonomen Universität von Ciudad Juárez (UACJ), lässt sogar befürchten, dass die Zahl der Gewaltopfer 2011 auf 5.000 Menschen hochschnellen könnte, sollte dort alles beim Alten bleiben. In der 'Stadt der Morde' liefern sich das Juárez- und das Sinaloa-Kartell heftige Kämpfe um die Kontrolle des Drogenzugangs zum US-amerikanischen Markt.

Die immer stärker gesicherte US-mexikanische Grenze ist von selektiver Porosität: Von hier aus gelangen die Drogen in die USA, doch die Verbrechen im Zusammenhang mit dem Rauschgifthandel beschränken sich in aller Regel auf die mexikanische Seite. Auf die Frage, warum das so ist, antwortet die mexikanische Journalistin Josefina Martínez: "Bei uns kann jeder ungestraft tun, was er will. In den USA würden Drogenkriminelle sofort festgenommen."

In den letzten zehn Jahren hat sich das organisierte Verbrechen in Mexiko die Kontrolle über etliche Drogenhandelsrouten gesichert. Außerdem konnte es seine Vormachtstellung beim Anbau und der Verteilung von Marihuana und bei der Produktion synthetischer Drogen erheblich ausbauen. Diese Entwicklung festigte den finanziellen und wirtschaftlichen Einfluss der Rauschgiftbarone.

Mehr Morde nach Militarisierung

Doch die Gewalt explodierte erst, als die Regierung von Staatspräsident Felipe Calderón 2007 den Kampf gegen den Drogenhandel militarisierte. Seither sind in dem Land, in dem nur wenig Drogen produziert und konsumiert werden, 35.000 Todesopfer zu beklagen.

Dass sich die Gewalt der Drogenbanden in Richtung USA verschieben wird, hält Samuel González Ruiz, der unter dem ehemaligen mexikanischen Staatspräsidenten Ernesto Zedillo (1994-2000) die Sondereinheit gegen das organisierte Verbrechen geleitet hatte, für unwahrscheinlich. Es liege nicht im Interesse der Kartelle, sich im Land ihrer Hauptabnehmer Kämpfe mit den Sicherheitskräften zu liefern, ist der Experte überzeugt.

Dagegen sprechen auch die Anstrengungen Washingtons, die Grenze möglichst undurchlässig für Immigranten, Waffen und Drogen zu machen. Mehr als 20.000 Grenzwachen und 3.000 Beamte der Einwanderungs- und Zollbehörden waren im letzten Jahr an der 3.226 Kilometer langen, gemeinsamen Grenze abgestellt, heißt in einem neuen Bericht.

Die Kosten dafür beliefen sich im letzten Jahr auf 11,6 Milliarden respektive 5,7 Milliarden US-Dollar. Das seien doppelt so hohe Beträge wie 2004, hält der Report 'The Drug War in Mexico: Confronting a Shared Threat' (Der Drogenhandel in Mexiko: Eine gemeinsame Bedrohung bekämpfen) fest, der vom US-amerikanischen 'Council on Foreign Relations' (CFR) im März veröffentlicht wurde.

Zwischen Dezember 2010 und Februar 2011 haben US-Einwanderungs- und Zollbehörden Großeinsätze gegen ausländische Drogenhändler und ihre US-amerikanischen Helfershelfer durchgeführt. Dabei wurden fast 700 Personen in 168 US-Städten festgenommen. Den Fahndern zufolge hatte mehr als die Hälfte Kontakt zu mexikanischen Drogenbanden. Auch wurden bei dem Einsatz in Städten wie Los Angeles (Kalifornien), Houston (Texas) bis Newark (New Jersey) Geld und Drogen sichergestellt.

Doch trotz der unerhörten Mobilisierung von Geldern und Personal konnte der Handel mit Menschen, Geld, Waffen und Drogen nicht unterbunden werden. So heißt es im letzten Bericht des UN-Büros für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (UNODC), dass 2008 865 Tonnen Kokain in Kolumbien, Peru und Bolivien hergestellt wurden, von denen 309 Tonnen in Schiffen in Richtung USA losgeschickt wurden. 165 Tonnen erreichten ihren Zielort. In Europa wurden im gleichen Jahr 124 Tonnen Kokain konsumiert. 212 Tonnen stammten aus Südamerika.

Südamerikanische Länder leiden unter Straffreiheit

Anders als in Kolumbien und Mexiko sind es in den USA und in Europa nicht die Streitkräfte, die im Kampf gegen den Drogenhandel zum Einsatz kommen. Darüber hinaus geht die Justiz, anders als in den beiden südamerikanischen Ländern, kompromisslos gegen Kriminalität vor. In Frankreich oder Spanien werden 80 Prozent der von ihr begangenen Morde bestraft. In Mexiko sind es gerade einmal vier Prozent; In Ciudad Ciuárez nur ein Prozent.

Trotz der strengen US-Grenzkontrollen gelangen jedes Jahr 20.000 Waffen aus den USA nach Mexiko. Zunächst werden sie legal ins Land importiert und dort dann widerrechtlich von Drogenkriminellen in großen Mengen illegal erworben, heißt es in dem CFR-Bericht, der zudem darauf hinweist, dass zehn Prozent der US-Waffenlieferanten im Grenzgebiet zu Mexiko angesiedelt sind.

"Von welchem Krieg reden wir hier eigentlich?"

"Mexiko liefert die Toten in einem Krieg, der uns nirgendwo hinführt und der nicht zu gewinnen ist", meint dazu Hugo Almada von der Beobachtungsstelle für öffentliche und soziale Sicherheit in Ciudad Juárez.

"Von welchem Krieg reden wir hier eigentlich?", so auch María Idalia Gómez, eine auf Drogenkriminalität spezialisierte Journalistin. Wie sie berichtet, ist der Drogenkonsum in Mexiko ein eher unbedeutendes Problem. Von den 309 Tonnen Kokain, die 2008 für den nordamerikanischen Markt bestimmt war, blieben lediglich 17 Tonnen in Mexiko. "Somit es nicht an uns, den Drogenhandel zu bekämpfen", meint dazu Almada.

Eine 2008 durchgeführte Umfrage von 'Zogby International' und dem Zentrum 'Inter-American Dialogue' ergab, dass 75 Prozent aller US-Amerikaner der Meinung sind, der Krieg gegen die Drogen sei gescheitert. Fast ebenso viele Umfrageteilnehmer äußerten sich zugunsten einer neuen US-Drogenpolitik.

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Original veröffentlicht von Inter Press Service. © www.streetnewsservice.org

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