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Schuldenprävention - Jugend im Pumpkapitalismus

 Surprise (Switzerland) Freitag, 25. März 2011

Noch nie hatte die Jugend mehr Geld zur Verfügung als heute. Und noch nie hatte sie mehr Schulden. «Konsumiere heute, bezahle morgen», ist das Gebot der Stunde. Immer mehr Jugendliche handeln sich kaum volljährig einen Schuldenberg fürs Leben ein. (1305 Wörter) - Von Stefan Michel

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Sie sind jung, attraktiv und sie haben Träume: «Ich träume von unbeschwerten und sorglosen Ferien im sonnigen Süden» sinniert eine junge Frau mit Engelshaar und seligem Gesichtsausdruck. Ebenso entspannt wünscht sich ein junger Mann eine «Home-Cinema-Anlage» und eine fesche Brünette ein «schnittiges Cabrio». Und die Erfüllung der kostspieligen Wünsche ist nah: «Mit CREDIT-now oder LEASE-now gehen Ihre Träume in Erfüllung», heisst es in der Werbung der Bank now. Merke: Träume kann man kaufen, selbst wenn man das Geld dazu erst in der Zukunft haben wird.

 

Die Fachhochschule Nordwestschweiz untersucht seit einigen Jahren den Umgang Jugendlicher und junger Erwachsener mit Geld - mit eigenem und geliehenem. Fast vier von zehn der Befragten haben Schulden, dies der Aufsehen erregendste Befund. Die Hälfte von ihnen haben ein Minus von maximal 120 Franken. Einzelne Jugendliche sind mit über 10000 Franken verschuldet. Die überwiegende Mehrheit steht bei Eltern oder Freunden in der Kreide. Einen Konsumkredit haben nur wenige aufgenommen. 100 Franken zurückzuzahlen ist selbst für Schüler kein existenzielles Problem. Ein Ferienjob oder ein paar sparsame Wochen und das Defizit ist beseitigt. Eine Minderheit hingegen gewöhnt sich im jugendlichen Alter an ein Verhalten, das direkt ins finanzielle Desaster führt. Und laut Betreibungsämtern steigt ihre Zahl.

 

Früh Schulden machen, spät Hilfe holen

Zum Beispiel jene junge Frau, nennen wir sie Anna, die als Zwanzigjährige ihren ersten Kredit aufnahm. Damals wohnte sie noch bei ihren Eltern. Mit 24 zog sie aus, schaffte sich Mobiliar an. Sie stockte ihren Kredit auf, auch um ein privates Darlehen zurückzuzahlen und Steuerschulden zu begleichen. Heute, mit 30, steht sie vor einem Finanzloch von 140'000 Franken, bei einem Monatslohn von 4100 Franken netto.

 

Besser machte es Franziska Neuhaus, die vom Schweizer Fernsehen porträtiert wurde. Die KV-Lernende mit eigener Wohnung shoppte fleissig online und gab sich beim Ausgehen mit ihren Freundinnen spendabel. Schnell wuchsen ihre Verbindlichkeiten auf 8000 Franken an. Auch sie verdrängte das Problem, öffnete die Post nicht mehr. Dann überwand sie ihre Scham und tat, was viele nicht tun: Sie suchte professionelle Hilfe, als eine Sanierung noch möglich war. Inzwischen ausgelernt und in einem Reisebüro angestellt, zahlte sie monatlich rund 1000 Franken ab. Andrea Fuchs von der Schuldenberatung Aargau - Solothurn meint dazu: «Viele, die Schulden machen, kommen erst fünf oder zehn Jahre später auf die Beratungsstelle. Dann geht es aber nicht mehr um ein paar tausend sondern um 100000 Franken. Es wäre wichtig, dass sich Menschen mit Schulden frühzeitig auf einer Beratungsstelle melden, solange die Schulden noch in nützlicher Frist zurückgezahlt werden können und bevor es zu Betreibung und Pfändung kommt.»

 

Es ist paradox: Dass die Jungen mehr Schulden haben als früher, liegt auch daran, dass sie mehr Geld haben als die Generationen vor ihnen. Über zwei Milliarden Franken haben die 15- bis 20-Jährigen pro Jahr zur Verfügung, wie einer Studie der Universität St. Gallen zu entnehmen ist. Um diese Kaufkraft buhlen diverse Wirtschaftszweige: vom Kommunikationsanbieter über Modehersteller bis zu Freizeit- und Ferienveranstaltern. Sie bestärken die Jungen in einer Überzeugung, für die sie selber und ihre Eltern freilich ebenso verantwortlich sind: was Spass macht, kostet halt. Und nur, wer Geld ausgibt, gehört dazu. Der verlockende Weg zum Glück heisst, «konsumiere heute, bezahle morgen.»

 

Kaufkräftig und heiss begehrt

Die grössten Schuldenverursacher sind laut der Beratungsstelle Plusminus: fehlende Finanzkompetenz, Konsum als Freizeitbeschäftigung, Gruppendruck, kompensatorischer Konsum und quasi als Kombination von allem die Kaufsucht. Die jüngeren Teenager überziehen ihr Budget vor allem mit den Handykosten, Mode- und Elektronikartikeln sowie beim Ausgehen. Bei den über 18-Jährigen kommt das Auto und die eigene Wohnung dazu.

 

«Man braucht Geld, um Spass zu haben», findet auch Sekundarschülerin Alexandra (15), die ihre 150 Franken Taschengeld für Mode und Ausgehen aufbraucht. Wenn sie sich etwas nicht leisten kann, dann hat sie Strategien, mit der sie ihre Eltern dazu bringt, einen Extrabeitrag locker zu machen. Ob sie auch mal auf einen Kauf verzichte? «Ja, ich sehe oft schöne Schuhe, die ich mir nicht leisten kann. Das ist schade, aber eigentlich habe ich ja genug Schuhe.» Sie findet ihr Taschengeld ausreichend, und sie kann sich noch gar nicht vorstellen, was sie mit ihrem Lohn im ersten KV-Lehrjahr anfangen soll. FCZ-Fan Moritz (16) gibt seine 50 Franken Taschengeld und die 40 Franken, die er sich monatlich dazu verdient für den Besuch der Heim- und Auswärtsspiele seines Vereins aus und sagt: «Ich habe eigentlich nie Geld, das gehört irgendwie zu mir.» Doch seine leeren Taschen sind selbst gewählt. Einen grossen Teil des Geburtstags- und Weihnachtsgelds zahlt er auf ein Sperrkonto ein.

 

Die leidenschaftliche Shopperin und der FCZ-Anhänger sitzen zusammen mit der Gymnasiastin Hélène und dem Sekschüler Gabriel, beide 15-jährig, im Jugendladen der Offenen Jugendarbeit Wollishofen-Leimbach. Dank der dort angesiedelten Jugendjobbörse «Wolly Hood Jobs» verdienen sie sich einen Zustupf. Die beiden Jungen arbeiten für die Vermittlungsstelle selber, die beiden Mädchen lassen sich regelmässig für Putz- und Babysitting-Einsätze engagieren. Mit Schulden wollen sie nichts zu tun haben und selbst kleine Beiträge borgen sie sich nur selten. Moritz fand es «ein Scheissgefühl», als er einmal einem Kollegen 80 Franken für Skateboard-Achsen schuldete. Doch die Lust, Geld auszugeben, auch in kleinen Dosen, die kennen sie gut.

 

Die Mehrheit kommt klar - noch

Die vier Jugendlichen entsprechen der Mehrheit in der Studie der Fachhochschule Nordwestschweiz. Diese habe ihre Finanzen im Griff, schreiben die Autoren und überbrücke Engpässe geschickt und verantwortungsbewusst. Viele lernen als Jugendliche nicht nur, mit dem vorhandenen Geld zu haushalten, sondern auch vernünftig Schulden zu machen. So, dass man sie in der abgemachten Zeit zurückzahlen könne. Ähnlich werden sie es einige Jahre später tun, wenn sie sich ein Haus kaufen oder sich mit einem Kredit selbständig machen.

 

Die Studie differenziert die jungen Menschen nach ihrer Ausbildung und da zeigen sich deutliche Unterschiede: Gymnasiasten leihen sich gegenseitig häufiger Geld und haben öfter Schulden unter hundert Franken. Weniger häufig belehnen sich Diplomschülerinnen und -schüler sowie Lehrlinge unter einander. Die durchschnittliche Höhe des Schuldbetrags liegt bei ihnen schon bei mehreren hundert Franken. Durchschnittlich am tiefsten im Minus stecken jene Jugendlichen, die ein arbeitsmarktliches Brückenangebot besuchen, da sie nach der obligatorischen Schulzeit keine Lehrstelle gefunden haben.

 

Die Studie betont, dass selbst von den Jugendlichen, die ein Brückenangebot besuchen, die meisten haushälterisch mit ihrem Geld umgehen. Schulden sind keine Frage des sozialen Hintergrunds, genauso wenig wie ein konsumorientierter Lebensstil und die Kopplung des Selbstwertgefühls an den Besitz von Statussymbolen. Doch jene, deren Finanzen im jungen Erwachsenenalter aus dem Ruder laufen, stammen in der Mehrheit aus wenig begütertem Elternhaus. Sie sind schlicht weniger krisenresistent. Der Verlust der Arbeitsstelle oder ein Unfall - und schon wird die Rückzahlung zum Problem.

 

Zweifelhafte Hilfe der Eltern

Jugendliche nehmen selten Schuldenberatung in Anspruch, halten mehrere Schuldenberater fest. Auch Betreibungen sind unter 22 Jahren selten. Dann steigen die Zahlen stark an. Der Grund: Solange sie bei den Eltern wohnen, kommen oft sie für ihre Kinder auf oder intervenieren, wenn die sich Mahnungen häufen. Helfen sie ihnen bedingungslos aus der Patsche, dann bereiten sie der weiteren Schuldenkarriere den Boden. Oft landen sie dann bei Bruno Crestani, Betreibungsbeamter in Zürich (siehe Interview). Auf sein Betreiben begannen die Betreibungsämter der Stadt Zürich, in Oberstufen und Berufsschulen Schuldenprävention zu betreiben. Viele weitere Initiativen versuchen den Teenagern, den vernünftigen Umgang mit Geld beizubringen - kurz bevor es zu spät ist. Denn mit 18 Jahren können sie Leasingverträge eingehen und Kredite aufnehmen. Haben sie es bis dann nicht gelernt, besteht die Gefahr, dass sie es, statt von ihren Eltern und Lehrpersonen von Betreibungsbeamten und über den persönlichen Bankrott lernen. Ein Fehler, für den viele für den Rest ihres Lebens büssen.

 

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Original veröffentlicht von Surprise. © www.streetnewsservice.org

 

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