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Wohnen mit und ohne Behinderung

 Megaphon (Austria) Freitag, 25. März 2011

In den 4er-Wohngemeinschaften von Alpha Nova verbringen StudentInnen und behinderte Menschen ihren Alltag gemeinsam. Kann das gut gehen? Und ob, zeigt ein Besuch in der Mandellstraße 7. (815 Wörter) - Von Eva Reithofer-Haidacher

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Megaphon_Wohnen mit und ohne Behinderung

Integriertes Wohnen: Daniela, Daniel, Alexander (hinten), Martin und Masuma (von links). Christopher Mavric

Daniela macht sich Sorgen um Masuma. "Bitte tu nicht hudeln, du brauchst nicht so schnell fertig sein. Wir sind alle nur Menschen, keine Roboter", sagt sie und für wenige Augenblicke verschwindet das Lächeln aus dem Gesicht der 32-Jährigen. Ihre Mitbewohnerin studiere zu eifrig und verbringe zu viel Zeit am Laptop, meint sie ein wenig vorwurfsvoll.

 

Daniela Tschernko ist eine von vier, die in der IWG 2 leben - in der zweiten von zehn integrativen Wohngemeinschaften in Graz, die Alpha Nova ins Leben gerufen hat. "Hilfe für Wohnen" lautet die Grundidee. Die zwei StudentInnen in der WG gehen ihren beiden behinderten MitbewohnerInnen im Alltag zur Hand und bezahlen dafür keine oder nur wenig Miete. Wobei: Wie schwammig der Begriff "behindert" ist, zeigt sich kaum wo so deutlich wie in dieser großen Altbauwohnung im Erdgeschoß der Mandellstraße 7. Daniela Tschernko, die in der Wäscherei eines Altersheimes arbeitet, ist "Kundin" - so werden die behinderten Menschen hier genannt.

 

Gleichzeitig ist sie, das betonen ihre MitbewohnerInnen einhellig, die "WG-Mama". Als Masuma kürzlich schwer an Grippe erkrankt war, hat sie sich gemeinsam mit den anderen fürsorglich um sie gekümmert. Und als die Dolmetschstudentin auf Urlaub gefahren ist und vergessen hat, das Blumengießen zu delegieren, hat Daniela das von sich aus in die Hand genommen. Achja, und Daniela prüft Masuma auch ab, wenn dieser auf der Uni ein Auftritt bevorsteht. "Sie kann gut Präsentationen machen", sagt Daniela Tschernko anerkennend, "und ich sag ihr immer, sie braucht nicht nervös zu sein."

 

Partystimmung

Zwei Männer komplettieren das Team der IWG 2: Martin Pfeiler, der in einer Mosaik-Werkstätte arbeitet, und der Liguistikstudent Alexander Just. "Geschlechterheterogen funktioniert es besser", erklärt Reinhold Wagner, Leiter des Bereichs Integrative Wohngemeinschaften bei Alpha Nova. Allerdings sei es auch schon vorgekommen, dass StudentInnen zu stark in die Vater-Mutter-Rolle gerutscht seien. Da habe er die Studentin durch einen Mann ausgetauscht. Schließlich ist das Ziel des Projektes ein möglichst selbstbestimmtes und altersgemäßes Leben. Und das Vermeiden der sozialen Isolation. "Die behinderten Leute verbringen oft auch ihre Freizeit fast ausschließlich mit professionellen Assistenten. Die IWG ist die große Chance, in einen normalen Kontext zu kommen", erklärt Daniel Gutschi, externer Wohnassistent der IWG 2.

 

Das gelingt in der Mandellstraße offensichtlich besonders gut. "In dieser WG gibt es die coolsten Parties", sagt Martin strahlend. "Ich habe viele Leute kennengelernt." Erst kürzlich waren zu seinem Geburtstag 20 Leute da. Er weiß, wie schwer Einsamkeit zu ertragen ist, und hat deshalb die Single-AG von Alpha Nova mitbegründet. Picknicks, Halloween- und Faschingspartys sollen der Zweisamkeit auf die Sprünge helfen. "Die Leute selbst sind zu schüchtern, den ersten Schritt zu wagen. Deshalb überlegen wir uns Kennenlernspiele", erklärt der 28-Jährige. Er selbst hat seine Liebe schon gefunden. "Meine Zukunft schaut cool aus", sagt Martin Pfeiler. "Ich möchte die Single-AG weiter führen und mit meiner Freundin zusammen ziehen. Aber man soll nichts überstürzen."

 

Daniela Tschernko ist noch auf der Suche, aber eines ist klar: Ein Buschauffeur muss es sein. Die leidenschaftliche Busfahrerin hat auch schon den einen oder anderen im Auge. "Ich muss mich bald entscheiden, wen ich haben will", sagt sie selbstbewusst. Schließlich werde sie im Juli 32 und müsse ihren Lebenstraum vorantreiben: eine Familie und einen Hund zu haben.

 

Kommunikation ist das Wichtigste

Derweil muss sie mit dem WG-Hamster namens "Cottonball" vorlieb nehmen. Den hat Alexander von einer Amerikanerin "geerbt", worüber Masuma, die vor einem Jahr als Letzte zur IWG 2 gestoßen ist, gar nicht erbaut war. "Ich wollte keine Haustiere", erklärt die Studentin.

 

Für diese und andere Alltagsprobleme gibt es einmal monatlich die "Grüne Mappe"-Sitzung. In einem grünen Aktenordner werden die Themen - vom Putzplan über anstehende Reparaturen bis zu Besuchsregeln - gesammelt und dort mit allen besprochen, Kompromisse gesucht. "In dieser IWG funktioniert die Kommunikation gut. Das ist das Wichtigste", sagt Wohnassistent Daniel Gutschi. Um das Zusammenleben zu stärken, gibt es in jeder IWG zweimal im Monat Gemeinschaftsabende und einmal monatlich ein Gemeinschaftswochenende, dazu kommen für die StudentInnen Teamsitzungen und Supervision. Sie sind zu 30 Prozent bei Alpha Nova angestellt - ihr Gehalt wird mit der Miete gegenverrechnet -, sie sind voll versichert und haben Urlaubsanspruch.

 

Für Alexander Just, der nebenbei auch noch als Fahrradkurier freiberuflich tätig ist, ist die Kombination aus Anstellung mit Versicherung und Wohnen optimal. "Es ist absolut angenehm", sagt er. Die 24-jährige Masuma Regl sehnt sich manchmal nach mehr Freiheit. Auch sie hat nebenbei noch andere Jobs und wenn im Studium stressige Zeiten anstehen, fühlt sie sich sehr belastet: "Fünf Wochen Urlaub sind wenig, normalerweise würde ich zwei bis drei Monate wegbleiben." Aber wenn Daniela sie anschaut und "Gö, Schatzi!" sagt, geht es wieder leichter. Dann seufzt Masuma und antwortet: "Du bist wirklich wie eine Mama."

 

 

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Original veröffentlicht von Megaphon. © www.streetnewsservice.org

 

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