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Die Kunst der Obdachlosen

 The Contributor - USA Montag, 14. November 2011

Das Room In The Inn (RITI) in Nashville, ein hochmodernes Gebäude mit 38 bezahlbaren Wohnungen, Jobtraining-Programmen, einer Bibliothek und Internetzugang, ist in Nashville als ein Ort der Gastfreundschaft und Servicezentrum für die Obdachlosengemeinde der Stadt gut bekannt. Aber das RITI hat sich vor kurzem ein ganz neues Territorium erschlossen: einen legitimen Platz in Nashvilles Kunstszene. (1929 Wörter) - Von Joe Nolan

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"Girl with Orange" (Portrait picture - Download to see full image)Photo: Joe Nolan/The Contributor

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"Horsey"Photo: Joe Nolan/The Contributor

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"Poet"Photo: Joe Nolan/The Contributor

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"Simple Man" (Portrait picture - Download to see full image)Photo: Joe Nolan/The Contributor


Street Smart ist die erste Kunstausstellung des RITIs Artists-in-Residence-Programms. Die Septemberausstellung hat mit fesselnder Kunst für viel Aufsehen gesorgt und RITIs  Gründungsdirektor, Charles Strobel könnte kaum glücklicher sein.

"Die Kunstwerke, die aus diesem Umfeld stammen, sind ein spektakulärer und taktiler Ausdruck von sinnvoll genutzter Zeit.", sagt er begeistert. "Das ist bemerkenswert, wenn man bedenkt, dass die meisten unserer GaststudentInnen den Großteil ihrer Zeit damit verbringen, ihr Überleben zu sichern. Die Ausstellung zeigt Werke von Obdachlosen GaststudentInnen, die unter der Leitung zweier Künstler des Artists-in-Residence-Programms, Delia Seigenthaler und Emily Holt, die RITI Kunstkurse besuchten.  "Während der Street-Smart-Ausstellung gab die Auswahl an Materialien, die von Delia und Emily als Basis für die wöchentlichen Übungen gefunden wurden, unseren Gästen die unausgesprochene Erlaubnis, sich im Klassenzimmer zu Hause zu fühlen, " sagt Strobel. Folglich, haben sich alle TeilnehmerInnen etwas entspannt und sich auf das Projekt eingelassen.

Delia Seigenthaler kommt von der Kunstfakultät der University School of Nashville. Sie hat mit einem M.F.A. (Master of Fine Arts - Magister der bildenden Künste) des Art Institute in Chicago (Kunstschule Chicago) abgeschlossen. Sie war auch Dozentin am Sarratt Student Center der Vanderbilt University und in der Kunstabteilung an der Belmont University.

"Sicher kamen wir mit mehr Fragen als Antworten in die Lektionen, " erklärt sie." Kann künstlerischer Ausdruck ein Gefühl von Kontrolle bieten für diejenigen, deren Leben oft willkürlich und chaotisch verläuft? Würden Studenten dem, was wir ihnen beibringen eine Bedeutung beimessen? Könnte unsere Zeit zusammen mehr versprechen als eine willkommene Flucht vom Leben auf den Straßen?" Wenn man nach den Ergebnissen geht, die an der Street - Smart-Ausstellung gezeigt wurden, war das Experiment ein Erfolg.

Wie eine Abfolge von Masken, ist eine Serie von "Brown Bag Drawings" in einem Raster aus Portraits ausgestellt, das auf braunen Einkaufstüten erschaffen wurde, nach welchen das Werk ernannt wurde. Aus Ölkreide geschaffen, präsentieren die verschiedenen Stücke eine Figur mit einem Cowboyhut; ein lächelnder Mann mit Kragen und Kravatte, mit einer Art abstraktem lächelndem Gesicht, aufgeteilt in geometrische Quadranten und einer Nummer farbig gestalteter Superhelden. Superhelden und Komikfiguren erscheinen durchwegs in der Street-Smart-Ausstellung, manchmal in bewegenden, unerwarteten Ausdrucksformen.

Ein Gebilde aus einer Collage graphischer Bilder ist das Werk von Künstler Michael H. "Burn Out" ist eines der eindrucksvollsten Stücke, die and der Street-Smart-Ausstellung gezeigt werden. Ein Bild von Superman auf einem roten Stuhl zeigt den ultimativen Helden, wie er in Resignation zerfällt und sich beunruhigt und mit angespannten Fingern die Augenbraue massiert. Auf beiden Seiten des Throns befinden sich die sich anschauenden Gesichter zweier anderer Komikfiguren, was eine Gegensätzlichkeit darzustellen scheint, die sogar Superman in Ambivalenz verstrickt hat. Dieses Hauptbild hängt vor einem Hintergrund von Briefmarken aus aller Welt - mit jeder Entscheidung, die Superman fällt, steht die ganze Welt auf dem Spiel.  Für obdachlose Künstler wie Michael H. machen vielleicht auch gerade diese täglichen Entscheidungen den Unterschied zwischen richtig und falsch, gut und schlecht und überleben auf der Strasse oder den Bedrohungen und Gefahren der Strassen unterliegen.

Eines der bewegendsten Werke der Ausstellung kommt aus Delia Seigenthalers eigenem Klassenzimmer, nämlich von ihren Beobachtungen der Hände ihrer arbeitssamen SchülerInnen.

"Einige sind voller Schwielen. Knorrig. Abgenutzt. Voller Prellungen und Narben. Andere sind elegant mit ausdrucksvollen, langen Finger. Wir fragen uns, welche Geschichten diese Hände zu erzählen haben." "Hands Together", eines der Werke in 3-D in der Ausstellung, beinhaltet Seigenthalers Bienenwachsskulpturen verschiedener Händepaare ihrer StudentInnen. Die Hände wurden an eine Wand gehängt und in einer einladenden, asymmetrischen Anordnung arrangiert, die die verschiedenen Gesten, die ausgestellt sind, unterstreicht und dabei auch eine visuell zusammenhängende Aussage als Einzelwerk macht. Die einfachen Bienenwachs -skulpturen sind in einer einheitlich gelben Farbe, aber diese scheinbare Gleichheit unterstreicht die unterschiedlichen Formen, Größen und Gestiken, die ausgestellt sind. Einige der Hände scheinen sich zu erstrecken oder zu winken. Andere scheinen fest entschlossen, den Beobachter wegzustossen. Ein Händepaar hängt so zögerlich und zart, dass man sich veranlasst fühlt, es mit einer beschwichtigenden Geste anzufassen.

Artist-in-Residence Emily Holt ist ein Mitglied der Kunstfakultät der University School of Nashville. Sie hat mit einem M.F.A. von der University of North Carolina in Chapel Hill abgeschlossen. Holt, wie Seigenthaler, hat sich ähnlich inspiriert gefühlt, als sie ihren StudentInnen während ihrer Arbeit im Klassenzimmer zugeschaut hat.

"Eines der besten Dinge daran, Kunst zu unterrichten, ist die Möglichkeit, die StudentInnen dabei zu beobachten, wie sie sich in etwas verlieren", erklärt sie und beschreibt mit der Begeisterung einer stolzen Lehrerin das leidenschaftliche Schaffen eines ihrer Schüler. "Die Aufgabe war, ein Pferd aus Holzschnitzeln, Draht und Schnur zu machen. Ich stellte fest, dass Jeff, einer der Schüler, kicherte während er arbeitete.  Ich hörte, wie er sagte, "Das macht richtig Spaß!" Am Ende der Stunde sagte er nochmals wie viel Spaß er hatte. "Ich habe mich für eine Stunde wieder wie ein Kind gefühlt", sagte er."

Ein Schulprojekt bestand darin, dass Schüler mit einer Collage experimentieren, Texte aus Magazinen, Zeitungen und anderen Quellen ausschneiden und in ihre Projekte einfügen, um selbst Werke zu erschaffen, die eine einzigartige und manchmal schrill poetische Aussage ergeben. Mit "All is Easy" kreiert Brian H. ein Werk über Poesie selbst, indem er eine Botschaft zusammenfügt, die das Folgende besagt: "Poesie gibt dir Mondlicht und in allem, das dort gesucht wird, befinden sich Gewässer, die glatt und wahr sind und alles ist einfach." Melanie D.s "Good Day Sunshine" zitiert die Beatles und zelebriert einen Sieg über die Sucht und sagt: "Sag nein zu Drogen (und) Alkohol." Mit "I'm Shine" hat Elora C. eine abstrakte Aussage über Obdachlosigkeit, Not und Hoffnung gemacht: "Du verkaufst dein Haus nicht / welche Opfer verlassen das Gedränge / die Tür betrachtend, um zu spielen / Ich bin Schein."

Von einem unbekannten Künstler geschaffen, zeigt "Topography" eine architektonische Darstellung einer pyramidenartigen Struktur, die auf einer Karte des geologischen Dienstes der USA angebracht wurde. Das Werk eines Künstlers kann oft ein Ausdruck seiner Sehnsüchte sein und wenn obdachlose Personen ein Bild von einem Unterschlupf schaffen, dann bieten sie oft ein Bild voll mitschwingender Bedeutung.

In einem anderen Projekt wurden die StudentInnen gebeten, Miniaturhäuser aus Spielbrettern und Teilen von verschiedenen Spielen zu gestalten. "No Place Like Home", ein Haus, fixiert mit Leim und schwarzem Klebeband, wurde mit dem obigen aus Scrabble-Buchstaben geschriebenen Satz an den Außenwänden dekoriert: Eine Grafik auf dem Dach, das aus einem Spielbrett gemacht wurde, zeigt, dass jemand "eine Runde aussetzen" muss. Das Spielklische zeigt eine neue Bedeutung für die Kunst einer Person, die kein Zuhause hat. Die visuelle Spielsprache des ganzen Werks scheint die schwierigen Herausforderungen anzusprechen, denen die Menschen, die versuchen, "sich wieder ins Spiel zu bringen" gegenüberstehen.

Während das Kunstprogramm von Room In The Inn diesen KünstlerInnen eine Möglichkeit gegeben hat, Teil einer Ausstellung zu sein, die in der ganzen Stadt für Aufsehen sorgte, hat es den Gästen auch viele andere Langzeitvorteile für den Alltag geboten.

"Die LehrerInnen geben den SchülerInnen künstlerische Freiheit, damit sie sich ausdrücken können. Dies erlaubt den SchülerInnen auch, sich "Punkte" zu verdienen, die sie im Campusladen brauchen können, um sich Produkte für den Grundbedarf und mehr zu kaufen," erklärt Holly Barnett, die Managerin der Freiwilligenprojekte bei RITI. "Das Kunstprogramm arbeitet mit freiwilligen LehrerInnen und ermöglicht ihnen, während unseren wöchentlichen Lektionen, ihre Leidenschaft mit den TeilnehmerInnen zu teilen."

Zusätzlich zur Bereicherung einer Schulzimmererfahrung und der Chance, Grundbedürfnisse zu decken, profitieren RITIs Kunstschüler auch von der Art der Heilung und der Persönlichkeitsstärkung, die kreative Arbeit bieten kann. "Die Lektionen dienen verschiedenen wichtigen Zwecken", sagt Barnett weiter. "Schöpferischer Ausdruck, ein Gefühl von Flucht vor dem Leben auf der Strasse, auch wenn nur für eine Stunde, und eine Möglichkeit in der Gemeinschaft zu lernen."

Es ist die Möglichkeit, durch die gemeinsame Sprache der Kunstschaffung,  eine Gemeinschaft zu schaffen,  von der Karen Stevens, die Verantwortliche für die Spezialprojekte am RITI, am meisten begeistert ist.

"Ausdruck ist eine schöne Sache...eine universelle Sprache...ohne richtige oder falsche Antworten. Es ist ein Ort, an welchem man Freude für den Moment findet" Die LehrerInnen, die SchülerInnen, RITIs MitarbeiterInnen und die Freiwilligen wurden alle für den Erfolg von Street Smart gelobt. Man bekommt das Gefühl, die ganze Sache steht unter dem Vorsitz des wohlwollenden Geistes des Künstlers und Gründers von RITIs erstem Programm für bildende Künste, Tom Seigenthaler.

"Es war Toms feste Überzeugung, dass Kreativität die Seele nährt und hilft, das Selbstvertrauen aufzubauen. Nach seinem Ableben, haben wir die Thomas P. Seigenthaler-Stiftung für Kreativität gegründet, um weiterhin seine Leidenschaft für die Kunst zu fördern, "erklärt Amy Seigenthaler-Pierce, Präsidentin der Firma Seigenthaler Public Relations." Das Street-Smart-Programm war durch Toms Verbindung zu Room In The Inn und seinen festen Glauben an die Fähigkeit des Kunstprogramms, Veränderungen herbeizuführen die perfekte Partnerschaft für uns."

Seigenthaler Public Relations hat einen schönen Ausstellungskatalog publiziert. Dieser zeigt die Ausstellung der Werke der KünstlerInnen zu Recht in kühnen, frischen Bildern, begleitet von einem gedankenvollen Kommentar von Delia Seigenthaler und Emily Holt.

"Als wir anfingen, zu sehen, was die einzelnen Personen im Kunstprogramm schufen, wussten wir, dass wir Zeugen von etwas ganz Besonderem waren, etwas, das wir teilen mussten", sagt Seigenthaler-Pierce.  "Wir entschieden, zusammen mit der Ausstellung einen Katalog zu produzieren, der die ganze Geschichte hinter der Kunst erzählt." Der sorgfältig entworfene Band zeigt den Umfang der Ausstellung, die Zeichnen, Malen, Collagen, Drucken, Multimedia Construction und Bildhauerei beinhaltet. Er fängt auch den Geist des Programms ein und zeigt, dass kreative Energie und das Bedürfnis, dieser Ausdruck zu verleihen, nicht zu den Dingen gehören, die Menschen, die auf der Straße leben, fehlen.

"Der Katalog wurde zu einem Objekt der Leidenschaft, angetrieben durch die künstlerische Leistung, die die Werke präsentierten, " sagt Seigenthaler-Pierce." Wenn man den Katalog durchblättert und die Geschichten hinter den Kunstwerken liest, wird veranschaulicht, was das Street-Smart-Programm erreicht hat."

Viele Werke der Ausstellung wurden verkauft und auf die Frage, ob sie ein Lieblingswerk hat, nennt Seigenthaler-Pierce sofort eine Anzahl Werke, die von einem unerwarteten Sammler erstanden wurden.

"Wenn Sie die Kunstwerke gesehen haben, dann wissen Sie, wie wunderbar und vielfältig alle Werke sind. Es ist schwierig, nur eines auszuwählen, " sagt sie." Das Staatsmuseum von Tennessee hat sechs Werke für seine Kollektion gekauft. Das spricht für das Einzeltalent der individuellen KünsterInnen, die teilgenommen haben." "Dancing Man", "Standing Tall", "Simple Man", "Jester", "House with Eyes" und "Skin of Many Colors" haben alle im Museum ein neues Zuhause gefunden - das ist nicht schlecht für eine/n KünstlerIn, sondern eine Leistung, die einem wahrgewordenen Traum entspricht für Menschen, die nachts nicht einmal einen sicheren Ort zum schlafen haben.

"Es ist unglaublich, wenn man sich vorstellt, dass durch dieses Programm Obdachlose aus Nashville, viele von ihnen, die sich vorher noch nie artistisch betätigt hatten, Werke schufen, die jetzt in einem Staatsmuseum oder in einer privaten Kollektion ausgestellt werden. Was für eine enorme Leistung."

"Dancing Man", "Standing Tall", "Simple Man" und "Jester" sind alles mittelgroße, bildliche Skulpturen, die aus diversen gesammelten Materialien geschaffen wurden. Die Ausdrücke, die einen von ihren Keramikgesichtern anstrahlen, variieren zwischen clownhaft und glückseelig und alle ihre Köpfe sitzen auf spielerischen Körpern, die aus Teilen alter Stühle zusammengesetzt wurden.  Alle diese Werke haben gemein, dass etwas schönes und anmutiges aus etwas grobem und kaputtem geschaffen wurde. Gleichzeitig steht jedes dieser Werke für Person, die fähig ist, mit etwas Hilfe von einem aufmerksamen Lehrer oder einer aufmerksamen Lehrerin für sich selbst einzustehen und die Möglichkeit etwas von der Tiefe des Eigenverständnisses zu teilen.

Übersetzt von Andrea Wieler

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