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Die Geschichte der Obdachlosigkeit in Amerika von 1640 bis heute

 StreetWise - USA Montag, 10. Oktober 2011

Obdachlosigkeit ist in den USA im Laufe der Jahrhunderte immer mißverstanden worden. „Den Obdachlosen“ gibt es nicht. Obdachlose sind eine Bevölkerungsgruppe wie jede andere – es sind Individuen, unter ihnen Familien, Alte, Junge, Kranke und Gesunde. Menschen sind viel komplexer als der Stempel, der ihnen aufgedrückt wird. (3060 Wörter) - Von Ben Cook

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Obdachlose Kinder in den Straβen Amerikas. Photo: Jacob A. Riis

Ein Interview mit Jeff Olivet, Experte für Obdachlosigkeit und soziale Gerechtigkeit

Wie ist Ihrer Meinung nach die derzeitige Wahrnehmung von Obdachlosigkeit?

"Den Obdachlosen" gibt es nicht. Obdachlose sind eine Bevölkerungsgruppe wie jede andere  - es sind Individuen, unter ihnen Familien, Alte, Junge, Kranke und Gesunde. Menschen sind viel komplexer als der Stempel, der ihnen aufgedrückt wird.

Wenn wir über die Geschichte der Obdachlosigkeit in den Vereinigten Staaten nachdenken, ist die Wahrnehmung oft, daß sie im Wesentlichen vor 30 Jahren durch Kürzungen im Wohnungsbereich und die Rϋckkehr von Kriegsveteranen aus Vietnam erzeugt wurde. Auch wenn all diese Faktoren sicherlich zur derzeitigen Welle der Obdachlosgkeit beigetragen haben, entstand Obdachlosigkeit nicht erst in den späten 70er und 80er Jahren diesen Jahrhunderts. Wir als Gesellschaft haben entschieden, langwierige Kriege und  die Senkung der Körperschaftssteuer zu finanzieren. Diese Dinge haben einen direkten Einfluß auf Obdachlosigkeit und darauf, wie viele Menschen durch die Maschen de sozialen Netzes fallen.

Wann wurden die ersten Fälle von Obdachlosigkeit in den USA gemeldet?

Die ersten Fälle von Obdachlosigkeit gehen zurück bis ins Jahr 1640. Sie wurden in den damaligen Aufzeichnungen, hauptsächlich Staatsarchiven aus dem Nordosten, in den größeren Städten der 13 Grϋndungskolonien gemeldet.

Wer war damals obdachlos?

Wӓhrend der Kriege zwischen Siedlern und den Ureinwohnern Nordamerikas wurden Menschen beider Seiten in die großen Hafenstädte verdrängt. Europäische Siedler zogen weiter landeinwärts und die Gefechte machten sowohl Ureinwohner als auch Siedler obdachlos. In Boston, New York und Philadelphia kann man zwischen 1640 und 1660 viele solcher Fälle beobachten.

Welche Individuen wurden obdachlos?

Zu jener Zeit mußte man bei einer Stadtregierung vorsprechen und Gründe liefern, warum man die Erlaubnis dort zu siedeln erhalten sollte. Einige Menschen müssen dies immer noch - Flüchtlinge, Asylbewerber - Menschen, die  begründen müssen, warum sie es verdienen, ein Teil unserer Gemeinschaft zu sein. In den meisten Städten Neu-Englands musste man im 17. und 18. Jahrhundert den Stadtvätern gegenübertreten - und sie waren wirklich Väter, keineswegs mϋtterlich, und auβerdem alle weiß - und man mußte mehr oder weniger erklӓren: "Ich werde auf eigenen Füßen stehen. Ich werde mein eigenes Land bestellen und mein eigenes Haus bauen, und ich werde keine Belastung für Andere sein." Wenn die Stadtväter das nicht glaubten, durfte man sich dort nicht ansiedeln.

Wer also wurde wohl weggeschickt? Katholiken, physisch oder psychisch behinderte Menschen, Alkoholiker, Witwen, Waisen, ältere Menschen...jeder, der für zu schwach gehalten wurde auf eigenen Füßen zu stehen. So entstand eine wandernde obdachlose Klasse, Menschen die auf der Suche nach einer Heimat von Stadt zu Stadt zogen. Amerika war eine neue Welt mit neuen Möglichkeit, aber nicht für alle.

Gab es einen nationalen Präzedenzfall für den Umgang mit Einwanderen, Siedlern, und den Ureinwohnern?

Eine politische Entscheidung die wir als Nation sehr früh getroffen haben, vielleicht die erste föderale Strategie die enorme Obdachlosigkeit verursachte, war die Umsiedlung der Ureinwohner, insbesondere der Stämme des Südostens. Die Stämme der Ureinwohner wurden im Wesentlichen entwurzelt und zogen westwärts nach Oklahoma. Das war der Zug der Tränen (Trail of Tears), für den Andrew Jackson berühmt und spӓter Präsident wurde.

Wer außer den Ureinwohnern Nordamerikas war zu jener Zeit noch von Obdachlosigkeit bedroht?

Um 1820/1830, als die industrielle Revolution begann und Chicago ein ernsthafter Mitbewerber für Handel und Industrie in diesem Teil des Landes wurde, zogen Menschen aus ländlichen Gegenden in die Großstädte; eine Entwicklung die automatisch eine arme städtische Unterklasse produzierte. Diese Menschen zogen in die Großstädte in der Hoffnung Arbeit zu finden, viele wurden obdachlos. Und wieder waren es überwiegend Behinderte, Menschen die körperlich nicht in der Lage waren zu arbeiten und Menschen mit gestörtem Sozialverhalten - heute als Borderline-Persönlichkeitsstörung diagnostiziert -  die in der Obdachlosigkeit endeten.

Während dieser Zeit wurde in Phildalphia und New York von vagabundierende Massen berichtet. Damals gab es die ersten Anti-Bettler Verordnungen.

Die Gefängnisse in den Großstädten wurden in der Praxis Obdachlosenasyle - das kennen wir ja auch heutzutage. Die Entwicklung geht wieder in diese Richtung; wir haben Obdachlosigkeit kriminalisiert und sperren Menschen weg. Dieser Umgang mit Obdachlosigkeit ist zwar unsinnig, wird aber genau so in Städten landesweit praktiziert. Die Kriminalisierung von Odachlosigkeit ist keineswegs eine neue Erscheinung.

Die industrielle Revolution rief einen enormen wirtschaftlichen Aufschwung hervor. Wurden dadurch nicht Arbeitsplätze geschaffen, die Armut gemildert, oder andere positive Veränderungen angestoßen?

Die industrielle Revolution hat auch viele Invaliden produziert - Menschen verloren Gliedmaßen, Menschen starben - und es gab kein nennenswertes Wohlfahrtssystem, um sie vor der Obdachlosigkeit zu retten. Aus den 50er Jahren des 19. Jahrhunderts sind die ersten Fälle von Jugend-Obdachlosigkeit dokumentiert, überwiegend von heranwachsenden Jungen, die von zuhause vertrieben wurden, weil die Familie nicht die Mittel hatte, für alle ihre Mitglieder zu sorgen. Es gab Ausreißer, es gab Ausgestoßene, es gab obdachlose Jugendliche.

In den 50er Jahren des 19. Jahrhunderts gab es außerdem eine schwere Wirtschaftskrise ähnlich der aktuellen, und es ist bekannt, daß in wirtschaftlich schwierigen Zeiten mehr Menschen obdachlos werden...sie verlieren ihre Arbeit, ihre Wohnung, und Familienangehörige können nicht helfen, weil es ihnen selber auch nicht besser geht. So werden sie obdachlos.

Welchen Auswirkung hatte der Bürgerkrieg auf die obdachlose Bevölkerung?

Während des Bürgerkrieges verbesserte sich die medizinische Versorgung auf dem Schlachtfeld sehr - es wurde Morphium verwendet und Amputationen konnten überlebt werden. Das war neu - bis dahin endeten sie meist tödlich.

Zur Zeit sehen wir ähnliche Fortschritte in der Feldmedizin in den Kriegen im Irak und in Afghanistan. Menschen überleben schwere Kopfverletzungen, die vor 10 bis 15 Jahren tödlich gewesen wären, und wir sehen diese Menschen jetzt auf unseren Straßen. Immer mehr Menschen mit körperlichen Verletzungen, mehr Menschen mit psychischen Schwierigkeiten - wie auch damals im Bürgerkrieg. Es ist nichts Neues daß viele Kregsveterane obdachlos werden.

Was taten die Überlebenden nach Kriegsende?

Die Soldaten hatten wӓhrend des Krieges Streifzüge ins Umland der Schlachtfelder unternommen, auf denen sie Hühner von Bauernhöfen, Obst und Feuerholz aus der Umgebung organisierten. Diese Überlebensfӓhigkeiten ϋbertrugen sie nach ihrer Heimkehr ins tägliche Leben.

Waren Obdachlose nach dem Krieg immer noch überwiegend in den städtischen Gegenden der Ostküste zu finden?

In de Nachkriegszeit entwickelte sich der Zugverkehr in den USA rasant. Das Schienennetz wurde erweitert, und plötzlich kamen Menschen aus Kleinstädten in die Größstädte und in andere Kleinstädte. Chicago war eindeutig der Verkehrsknotenpunkt. Kleinstadtbewohner, mehrheitlich Afro-Amerikaner, aus Ohio und aus Süden zogen nach Norden.

Der Ausbau des Schienennetzes hatte einen enormen Einfluß auf die Obdachlosigkeit in diesem Land...eine Unmenge von Kriegsveteranen mit posttraumatischen Belastungsstörungen und erstaunlicher Überlebensfähigkeit reisten mit dem Zug durchs Land. Es handelte sich oft um alleinstehende Männer, oft mit Drogen- oder Alkoholproblemen, einige von ihnen waren psychisch krank.

Wie sah es mit Obdachlosigkeit in den Städten aus?

Man zahlte ein paar Cent um sich auf dem klebrigen, dreckigen, mit Alkohol und Erbrochenem verschmierten Fußboden einer Kneipe aufzuhalten. Viele Menschen sagen, daß die Obdachlosigkeit ganzer Familien ein neues Phänomen ist, und wir erleben sicherlich eine Welle zunehmender Familien-Obdachlosigkeit, aber neu ist das nicht - Familien-Obdachlosigkeit hat es im Laufe unserer Geschichte  immer schon gegeben.

Hier ein Eindruck (siehe obiges Bild), wie billige Unterkünfte 1882 in New York aussahen - die Menschen sind wie die Sardinen zusammengepfercht. Sogar in guten Zeiten sah man Kinder auf der Straße leben. Die Wirtschaftslage des Landes besserte sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts; man sprach von der Ära des Fortschrittes. Die Bevölkerung Chicagos hatte daran einen großen Anteil - Wolkenkratzer wurden gebaut, Industrie siedelte sich überall an. Mit dem Land insgesamt ging es steil bergauf, aber die Menschen waren immer noch arm. Die Obdachlosen waren immer noch obdachlos.

Wie sah die Obdachlosigkeit in Chicago im Vergleich zu anderen Größstädten aus?

Chicago war eines der ersten Zentren für wissenschaftliche Studien der Obdachlosigkeit. Das Feld der Sozialarbeit begann sich zu entwickeln. Die Soziologie-Bewegung nahm Formen an. Es gabe Menschen wie Alice Solenberger die "Tausend obdachlose Männer" schrieb, eine der ersten groß angelegten Studien über Obdachlosigkeit. Sie sah ihre Aufgabe darin, mit Klischees und Mythen aufzuräumen und sagte "Hier sind einzigartige Menschen voller Geschichten. Sie haben Hoffnungen und Träume wie wir alle. Sie sind mehr als ihr Problem."

Wer war sonst noch in diesem frühen Stadium an der Sozalarbeit in Chicago beteiligt?

Nels Anderson schrieb über Chicagos heruntergekommene Viertel (skid row) in "The Hobo". Das Bild auf Seite 13 zeigt Madison Street 1923; hier befanden sich billige Restaurants, Läden mit gebrauchter Kleidung und Herbergen. In dieser Gegend liessen sich in den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts viele Missionen nieder. Die Heilsarmee und viele andere Hilfsangebote der ersten Stunde befanden sich in hier. Wir wissen, daß diese Gegend bis in die 60er Jahre des 20. Jahrhundert problematisch blieb, als dann im Zuge der Stadterneuerung ärmere Stadtteile abgerissen wurden und viele Menschen aus den billigen Wohnungen verdrängt wurden.

Welches historische Ereignis kennzeichnet die nächste Welle der Obdachlosigkeit?

1927 trat der Mississippi von Ohio und Missouri bis nach New Orleans gewaltig über seine Ufer. Johnny Cash hat ein Lied über diese Überflutung geschrieben: "Five Feet High and Rising." (Fünf Fuß hoch und steigend). Diese Mississippi-Flut vertrieb 1,3 Millionen Menschen aus ihren Häusern.

Die Zahl der Obdachlosen in Texas, Mississippi und Louisiana ist nach dem Wirbelsturm Katrina fast doppelt so hoch wie vorher. Es gibt eine direkte Wechselwirkung zwischen Obdachlosigkeit und Naturkatastrophen wie dem großen Feuer in Chicago 1871, dem Erdbeben in San Fransisco 1906 und dem Tsunami 2004 in Asien. Diese Ereignisse haben direkte Auswirkungen auf Menschen. Für viele wird nichts mehr so sein wie es war. New Orleans ist heute anders als es vor Katrina war und einige Menschen haben immer noch keine Unterkunft.

Wie hat sich der Staat den Flutopfern gegenüber verhalten?

Wir wissen, daß die Reaktion auf die Flutkatastrophe von 1927 der erste großmasstäbliche vom Bundesstaat organisierte Hilfseinsatz war. Er wurde von Herbert Hoover geleitet. Hoover wurde dafür berühmt und später Präsident.

Wir wissen auch, daß es getrennte Flüchtlingslager gab. Diese waren nicht gerade gleichberechtigt. Insbesondere farbige Männer wurden mit vorgehaltener Waffe gezwungen, die Dämme In Mississiooi und Louisiana zu reparieren. Eine Zeit der Sklaverei in unserem Land - und das in den Jahren 1927 bis 1928. Das war also die Antwort des Bundesstaates auf die Überflutung.

Ganz ähnlich wie nach dem Wirbelsturm Katrina konnten die Menschen nach der Flutkatastrophe, wie zu erwarten, nicht nach einer Woche wieder nach Hause zurückkehren. Sie waren monatelang in Lagern und Notunterkünften untergebracht  - in einigen Fällen jahrelang. Diese Überflutung war für viele Menschen - besonders für Afro-Amerikaner-  ein entscheidender Faktor dafür, nach Norden zu ziehen. Orte wie Chicago, Detroit und Cleveland verzeichneten zu dieser Zeit einen enormen Anstieg ihrer afro-amerikanischen Bevölkerung.

Amerika wurde also während der Wirtschaftskrise nochmal hart getroffen?

Zur Zeit der großen Wirtschaftskrise (1929) sehen wir eine so große Zahl obdachloser Menschen wie nie zuvor und womöglich niemals seither.

Einer der positiven Aspekte der Wirtschaftskrise ist die Gelegenheit für die Regierung der Vereinigten Staaten erstmalig die Obdachlosigkeit zu bekämpfen - und sie nutzte diese Chance. Von 1933 bis 1936 baute die U.S. Regierung die Organisation FTS  "Federal Transient Service"  (bundesstaatlicher Nicht-Seßhaften Service) auf; ein großartiges staatliches Programm das Schutzräume, Kunstprogramme, Gesundheitszentren, Ausbildung und Unterkünfte für Obdachlose finanziell unterstütze. Und es war erstaunlich wirkungsvoll.

Wenn man Tagebucheinträge Betroffener liest, wird von gut geführten Unterkünften, in denen Menschen respektvoll behandelt werden, berichtet. Und es gab keine der religiösen  Auflagen, die manche kirchlichen Angebote hatten. Sie waren wirlich gut.

Was wurde aus diesem erfolgreichen Programm?

1936 wurde das Programm beendet. Die Roosevelt Regierung beschloß, soziale Sicherheitt finanzieren und kürzte eine ganze Reihe von Notfall-Maßnahmen; Ähnliches geschieht zur Zeit im Zuge der Wirtschaftsförderungsmaßnahmen. Die Roosevelt Regierung verwendete diese Mittel für soziale Sicherheit. Das Programm hat aber gezeigt, daß der Staat etwas tun kann, wenn der politische Wille da ist und ausreichende Finanzen zur Verfügung stehen.

Welche Asuwirkung hatte der zweite Weltkrieg auf die Obdachlosigkeit?

In der Zeit von 1940 bis 1960 haben wir gesehen, wie die USA in den Krieg marschierten und danach zur Arbeit zurückkehrt, oft zum Bau von Flugzeugen und Panzern. Das Land hat sich im Grunde genommen selbst aus der Wirtschaftskrise befreit.

Die Armut hat also von zwischen 1940 und 1960 abgenommen?

Aber nicht alle haben das gespürt - einige Menschen waren immer noch sehr arm, sehr am Rande der Gesellschaft. In den 60ern und 70ern Jahren wurde die Grundlagen für die derzeitige Obdachlosigkeit geschaffen: der Vietnamkrieg. Die Rückkehrer waren am Boden zerstört, physisch und psychisch. Außerdem wurden psychatrische Kliniken geschlossen ohne daß genügend wirksame Maßnahmen auf Gemeindeebene angeboten wurden, die die entlassenen Patienten hätten auffangen können.

Gab es keine Strategie dafür, diese Entwicklung aufzuhalten?

Verschlimmert wurde die Situation durch Kürzungen der staatlichen Bezuschussung kostengünstiger Wohnungen in den 80ern und 90ern Jahren. Die heutige Obdachlosigkeit ist eindeutig das Ergebnis der schlechten Versorgung der Bevölkerunggruppen mit psychischen und Drogenproblemen.

Man kann eine direkte Verbinung zwischen den politischen Entscheidungen auf Gemeinde-, Bundesstaat- und Staats-Ebene und dem Anstieg der Obdachlosigkeit sehen. Wir wissen daß Obdachlosigkeit Minderheiten wie Behinderte, Frauen und vor Allem Arme, immer stärker betrifft als den Rest der Bevölkerung. Wir wissen auch, daß Obdachlose immer als eine homogene Gruppe betrachtet werden, es aber niemals sind -"den Obdachlosen" gibt es nicht.  Wir sprechen von Leuten mit individuellen Hoffnungen, Träumen, Vorlieben und Schmerzen, und jede Geschichte ist absolut einzigartig und gleicht keiner anderen.

Welche Lösung halten Sie zur Bekämpfung der aktuellen Obdachlosigkeit für praktikabel?

Letzendlich ist die Obdachlosigkeit in diesem Land das Ergebnis des Fehlens einer Sozialwohnungsbau - Politik und einer Kluft zwischen Reich und Arm. Wir wissen, daß Obdachlosigkeit ein wenig wie die "Reise nach Jerusalem" ist; wobei erschwinglicher Wohnraum die heißbegehrten Stühle repräsentiert. Obdachlosigkeit hat viele Ursachen, aber wenn wir genug erschwinglichen Wohnraum hätten, wäre ein großer Schritt getan.

Eine vor der Wirtschaftskrise durchgeführte Studie hat hochgerechnet, daß wir 10 Millionen Mieter mit extrem niedrigem Einkommen und 3,5 Millionen erschwingliche Wohnungen haben. Das bedeutet einen Mangel von 6,5 Millionen Wohnungen.

Was wird unternommen um diese Kluft zu überbrücken?

Im Laufe der letzten 8 bis 10 Jahre konnten wir einen leichten Anstieg von Hilfsprogrammen für Obdachlose und enorme Kürzungen in den Wohlfahrtsprogrammen, die Menschen vor der Obdachlosigkeit bewahren, beobachten.

Während der Busch Regierung sahen wir eine Aufstockung der finanziellen Mittel aber auch Kürzungen in den Bereichen Wohngeld, Wohnungsbau für ältere Menschen und Wohnungsbau in ländlichen Gebieten. Dieses Vorgehen versucht dem individuellen Obdachlosen zu helfen, aber eine Kürzung des Wohngeldbudget um 716 Millionen U.S. Dollar im Laufe eines Jahrzehnts wird weitere Obdachlosigkeit verursachen.

Werden die staatlichen Konjunkturpakete helfen?

Ich bin vorsichtig optimistisch was den Nutzen staatlicher Konjunkturpakete zur Vorbeugung von Obdachlosigkeit und auch das Budget des Bauministeriums (HUD), das zur Zeit verhandelt wird, angeht - da gibt es einige gute Ansätze. Wir wissen, daß es eine breite Unterstützung für deren positive Umsetzung auf kommunaler und nationaler Ebene gibt. Unsere Freunde bei der Nationalen Vereinigung für sozialen Wohnungsbau haben uns mitgeteilt, daß es in den Vereinigten Staaten keine Gemeinde gibt, in der sich jemand eine Ein-Zimmer-Wohnung mit vom staatlichen Mindestlohn leisten kann. Weder in Chicago, noch in Alabama, noch in Alaska oder Massachusetts. Nirgends.

Auf einer Versammlung aller Bürgermeister der USA wurde diskutiert, daß die Zahl der von Obdachlosigkeit und Hunger Betroffenen zur Zeit ansteigt, während gleichzeitig die Finanzen von Städten und Bundesstaaten in Trümmern liegen. Ein Regierungsbericht über Familien-Obdachlosigkeit fand heraus, daß jedes Jahr 1 von 50 Kindern in den Vereinigten Staaten von Obdachlosigkeit betroffen ist.

Werden unsere Infrastruktur und unser Bild in der Öffentlichkeit verbessert und wenn ja - wo?

Gibt es Hoffnung in All dem? Ich denke, die Koordination und Finanzierung verschiedener Programme sowie die Lobby-Arbeit haben sich um einiges verbessert. Es ist nicht Alles vollkommen, aber wenn man den heutigen Zustand mit dem von vor 25 Jahren vergleicht, sieht man eine Menge Verbesserungen.

Die Öffentlichkeit spricht heute über die Vorbeugung von Obdachlosigkeit - da ist neu. Und  nicht nur darüber, Menschen von der Straße und aus den Obdachlosenasylen zu holen, sondern auch darüber, wie man den Abstieg in die Obdachlosigkeit von Vornherein verhindern kann. Daß wir über solche Präventionsmaßnahmen diskutieren...und sie tatsächlich auch finanziell unterstützen ist natürlich sehr positiv.

Eine ausreichende Bereitstellung von Wohnraum, die umgehende Bereitstellung von Notunterkϋnften und die Vision von dauerhaftem Betreuten Wohnen tragen entscheidend zur Abschaffung von Obdachlosigkeit bei. Wir sprechen hier von Menschen, die dauerhafte Unterstϋtzung und Betreung benötigen, Zugang zu medizinischer Versorgung, Ausbildung, psychologische Wiedereingliederungshilfe...in einigen Fӓllen ihr Leben lang. Einige Betroffene wϋnschen oder brauchen Betreuung in unterschiedlichem Maβ um seβhaft zu bleiben.

Können die über Obdachlose kursierenden Klischeevorstellungen geӓndert werden?

Der Sprachgebrauch hat sich in den letzten Jahren verӓndert. Frϋher haben wir darϋber diskutiert, wie Obdachlosigkeit verwaltet oder gemildert werden kann - heutzutage wird in Gemeinden im ganzen Land ϋber ein Ende der Obdachlosigkeit diskutiert. Das ist ein gewaltiger Unterschied. Einige Menschen reden seid lӓngerer Zeit davon, aber jetzt diskutiert die gesamte Nation darϋber - und wenn wir uns anstrengen könnten wir dieses Ziel tatsӓchlich erreichen. Den Worten mϋssen nur noch Taten und Dollars folgen.

Macht Ihnen dieser Wahrnehmungswandel Hoffnung fϋr die Zukunft der Obdachlosigkeit? Wird es In Zukunft noch Obdachlosigkeit geben?

Wir haben gewaltige Herausforderungen zu bewältigen. Im Moment mϋssen wir in einem sehr angespannten Wirtschaftsklima agieren. Auf der anderen Seite haben einige Leute fantastische neue Möglichkeiten gefunden, mit Obdachlosigkeit umzugehen und sie letztendlich ganz abzuschaffen. Einer der wichtigsten Aspekte der Menschenrechtsarbeit ist es, den Betroffenen Hoffnung zu geben. Es ist ein biβchen wie bei der Übergabe der olympischen Fackel, die Menschen zusammen bringt. Man trӓgt diese Fackel der Hoffnung fϋr diejenigen, fϋr die niemand mehr hofft hat, nicht einmal mehr sie selbst.

Meiner Meinung nach befinden sich diejenigen, die sich fϋr vorbeugende Maβnahmen einsetzen, an der Schwelle zu einer komplett anderen Arbeitsweise. Unseren Schӓtzungen nach sind in den USA insgesamt bis zu 300.000 Menschen in der Obdachlosenbetreuung tӓtig. Es sind nicht nur ein paar Hundert in Chicago - es sind 300.000. Eine ganze Armee von Menschen, die jeden Tag Verӓnderungen in ihrer Gemeinschaft bewriken. Jeder Einzelne von ihnen ist dabei Teil von etwas, das viel gröβer als der Einzelne ist.

Jeff Olivet setzt sich seit den frϋhen 90er Jahren mit Obdachlosigkeit, Armut und HIV auseinander - als Sozialarbeiter, Sachbearbeiter, Wohnungsbaudirektor, Aktivist, Autor, Dozent und Ausbilder. Er ist als Leiter der Ausbildungsabteilung am Zentrum fϋr soziale Innovation in Newton Centre, Massachusetts, beschӓftigt und hat zusammen mit Krankenhӓusern ϋberall in den USA an einem verbesserten Zugang zu medizinischer Versorgung fϋr Arme und Unterversorgte gearbeitet. Er war außerdem an internationalen Gesundheitsprojekten in Sϋdafrika, Kenia und Nigeria beteiligt. Mehr Informationen ϋber das Zentrum fϋr soziale Innovation findet man unter center4si.com.

Übersetzung aus dem Englischen Karen Kalkreuter

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