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Meine erste Reise in die Hauptstadt meiner Heimat inkl. Rückkehr

 Liceulice - Serbia Montag, 31. Oktober 2011

Belgrad. Das erste, und für eine sehr lange Zeit das letzte Mal fuhr ich mit meinen Eltern Ende der Achtzigerjahre in die Hauptstadt Jugoslawiens. Meine Tante studierte dort Tourismuswirtschaft. Meine Erinnerungen an diesen ersten Besuch bestehen hauptsächlich aus den Eindrücken, die ich am Kalemegdan und dem ihm angeschlossenen Zoo sammelte. Alles war größer und exotischer als in meinem kleinen Tuzla und seinem noch kleineren Zoo. So kehrte ich in meine trügerische Idylle zurück, zu meinen Großeltern, zu deren Kühen, Schweinen und Hühnern. (871 Wörter) - Von Krunoslav Stojaković

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Liceulice_Column Krunoslav Stojaković

Krunoslav Stojaković in Belgrade Photo: Krunoslav Stojaković

Mit Beginn des Krieges 1991/1992 kehrte meine Tante ihrer Stadt den Rücken und kam zu meinen Eltern nach Deutschland. Ich lebte inzwischen mit meiner Schwester auch in Deutschland. Und ich hatte für eine ganz lange Zeit abgeschlossen mit diesem Land. "Where the f*** is Yugoslavia?"

Im Verlauf meines Studiums interessierte ich mich jedoch wieder immer mehr für Jugoslawien. Für dieses Land, dass anscheinend zum Untergang geboren wurde. Niemand mochte es. Niemand vermisste es. Alle hat es gestört. Nur mich nicht. Und dann auch noch Versuche in Kommunismus, Selbstverwaltung, Brüderlichkeit und Einheit. Never Ever! So schallte es von überall her. Meine Magisterarbeit, über Nationalstaatskonzepte im kroatischen Klerus des 19. Jahrhunderts, machte mich aber stutzig. Die verklemmten Kleriker der Jetzt-Zeit haben immer betont, wie schlimm und künstlich alles außer einem ethnisch reinen Kroatien sei. Ihre Vorgänger hingegen, intellektuell in einer ganz anderen Sphäre unterwegs, einer Sphäre, die den jetzigen Hetzern immer unbekannt bleiben wird, waren maßgeblich beteiligt an der emanzipatorischen Konzeption eines südslawischen Einheit, eines multinationalen Gegenprojektes zur nationalen Ausschließlichkeit.

Mit Beginn meiner Promotionszeit über die kulturelle Avantgarde in Jugoslawien während der Sechzigerjahre, stand für mich dann eine Rückkehr nach Belgrad an. Ich musste in die dortigen Archive. Ich wollte Interviews mit den Protagonisten von Damals führen. Meine Eltern hatten ein mulmiges Gefühl: Ich würde doch niemanden kennen. Und dann noch alleine, als ›Kroate‹ in der serbischen Hauptstadt. Es hatte sich ja einiges geändert. Ich war ja nun ›Ausländer‹. Meine Tante, deren Tourismusstudium in Deutschland nicht anerkannt worden war und die nun als Krankenpflegerin arbeitete, beruhigte meine Eltern: "Macht Euch keine Sorgen, ich kenne da Leute, bei denen er solange wohnen kann." Sie wolle ohnehin alte Bekannte besuchen und würde mitkommen. In Belgrad angekommen, von ihrer Studienkollegin am Flughafen empfangen und abgeholt, wohnte ich nun für einen Monat im Haus einer mir unbekannten Familie. Die Stadt wirkte auf mich zunächst wie ein in Panik geratener Ameisenhaufen. Alles war in Bewegung, Busse fuhren kreuz und quer. Alte Straßenbahnen schlängelten sich über Straßenschienen, die man vor lauter Wildwuchs gar nicht als solche erkennen konnte. Überall Hupkonzerte. Die Cafes zu jeder Tages- und Nachtzeit proppevoll. Ich ging zunächst jeden Tag in die Bibliothek, arbeitete mich bis zum Dienstschluss durch allerlei Zeitschriften und Zeitungen, und ging danach in den Getränkeladen, der meinem Gastvater gehörte. Zusammen fuhren wir dann nach Hause. Der Tag endete so spektakulär wie er begonnen hatte. Je länger ich in Belgrad aber wohnte, desto später ging ich in die Bibliothek, und desto früher ging ich aus ihr heraus. Als Ersatz erkundete ich mit Darko (dem Sohn meines Gastvaters) immer öfter das Belgrader Nachtleben. Ich lernte Leute kennen. Gerade als ich mich - inzwischen Familienmitglied geworden - vollkommen eingelebt hatte, endete mein zweiter Besuch in Belgrad. Ich musste nach Zagreb in gleicher Mission.

Die eingebrochene Kürze meiner Bibliotheksbesuche machte 2007/2008 aber einen zweiten Arbeitsaufenthalt in Belgrad notwendig. Diesmal, zumal ich mich in meiner neuen Heimat Bielefeld noch nicht wirklich eingelebt hatte, verlängerte ich meine "Dienstreise" auf sechs Monate Belgrad und sechs Monate Zagreb. Ich fuhr mit dem Auto von Zagreb nach Belgrad über den legendären "Autoput", der alten Straße der Brüderlichkeit und Einheit. Meine Belgrader Gastfamilie empfing mich herzlich und selbstverständlich wie ein altes Familienmitglied. Nun hatte ich genügend Zeit, mit allerlei interessanten Leuten zu sprechen, mit Borka Pavićević, mit den Filmemachern Dušan Makavejev und Želimir Žilnik, mit Jovan Ćirilov, dem Mitbegründer des Belgrader Internationalen Theaterfestivals "BITEF". Ich lernte einen ganzen Haufen Menschen kennen. Und niemals habe ich den Eindruck vermittelt bekommen, ich sei unwillkommen. Niemanden interessierte es, ob ich Kroate, Bosnier, Slowene, Makedonier oder sonst was sei. Die einzige nationalistische Pose, die ich auf Belgrads Straßen wahrnahm, war die zur Folklore gewordene Xenophobie gegenüber den Kosovaren. Ich profitierte von den sehr angenehmen Arbeitszeiten der Belgrader Archive und Bibliotheken. Sie öffneten spät und schlossen früh. Die "Narodna biblioteka Srbije" schloss sogar irgendwann gänzlich, wegen "Reparaturarbeiten", die heute noch, drei Jahre später, nicht abgeschlossen worden sind. Heute ärgerlich, damals willkommener Grund, mich mit der Belgrader Kneipen- und Clubszene nun etwas intensiver zu beschäftigen. Der Intensität dieser Feldforschung Tribut zollend, verbrachte ich nun auch immer mehr Zeit an den Ufern der Save. Ein grünes Refugium in mitten dieser wilden Millionenstadt.

Auch die Zeit meines zweiten Aufenthalts neigte sich irgendwann dem Ende, meine Gasteltern, ähnlich meinen leiblichen Eltern, fragten immer öfter, wann ich denn meine Dissertation abzuschließen gedenke. Bald, so lautete meine eingeübte Standardantwort. Sobald die "Narodna biblioteka" wieder eröffnet. Inzwischen bin ich aber ›wirklich bald fertig‹.

Im Laufe der Zeit, also von 2008 bis heute, 2011, war ich noch unzählige Male in Belgrad. Immer in Kontakt mit meiner zweiten Familie. Immer glücklich, sobald ich das Flughafengelände in Richtung Innenstadt verlasse. Immer zu Hause fühlend. Und deshalb ist Belgrad für mich immer noch die jugoslawische Hauptstadt. Meine Hauptstadt.

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