print logo
  • Username:  
    Password:  

Malawis ungesunde Mais-Sucht

 INSP Freitag, 27. April 2012

Malawier können ziemlich emotional werden, wenn es um Mais geht. Schließlich besteht eines ihrer wichtigsten Gerichte, ein fester Brei namens Nsima, hauptsächlich aus Mais. Zwar wurde dieses Getreide jahrzehntelang als das einzig wahre Mittel gegen den Hunger beworben, inzwischen sehen das einige jedoch anders und versuchen die Malawier langsam von ihrer Mais-Sucht abzubringen, indem sie ihnen andere Wege aufzeigen. (1226 Wörter) - Von Jorrit Meulenbeek

Share

SNS_Malawi’s unhealthy obsession with maize 1

Luwayo Biswick in his garden. While he does still grow maize, even this is doing much better now he mixes it with other crops. His field looks green, while his neighbour’s crops are wilting because of the delaying rains. Photo: Jorrit Meulenbeek

"Die Leute haben sich über mich lustig gemacht, sie haben mich ausgelacht", erinnert sich Luwayo Biswick. "Manche haben an Hexerei gedacht. Andere haben mir gesagt, ich würde nie heiraten."  So reagierten die Leute, als Biswick begann, den kleinen Garten hinter dem Haus seiner Eltern komplett neu zu bewirtschaften. Nicht einmal seinen Eltern, mit denen er in Malauna, einem Dorf außerhalb der Hauptstadt Lilongwe lebt, war klar, was er damit bezweckte: "Jedes Mal, wenn ich versucht habe, etwas Neues anzupflanzen, haben sie es wieder durch Mais ersetzt. Sie haben Nahrung mit Mais gleichgesetzt."

Ein malawisches Sprichwort könnte die Einstellung seiner Eltern erklären: "Chimanga ndi moyo", was übersetzt so viel bedeutet wie "Mais ist Leben." Als Maismehl ist er die Grundlage für Nsima, einen dickflüssigen, langweilig schmeckenden, aber sehr sättigenden Brei, der das Hauptnahrungsmittel für die meisten Malawier darstellt und über 50% ihrer Kalorienzufuhr ausmacht (African Agricultural Marketing Project, 2010).

Wenn man das Sprichwort "Mais ist Leben" wörtlich nimmt, so gibt es in den Hügellandschaften Malawis reichlich Leben. Besonders jetzt, da die Regensaison auf ihrem Höhepunkt ist, sieht man Mais, soweit das Auge reicht: auf den großen Feldern entlang der Hauptstraßen, die für den kommerziellen Anbau genutzt werden, aber noch öfter gleich neben den Häusern und Hütten, in denen die Menschen leben.

Malawis Mais-Wunder

Die üppigen grünen Felder, die man sieht, täuschen jedoch, denn es ist genau diese Saison, die die Malawier als "Hungersaison" bezeichnen. Während sie immer noch auf die neue Ernte warten, haben viele ärmere Familien die Maisreserven vom Vorjahr bereits aufgebraucht.

Im Laufe des vergangenen Jahrzehnts ist es in Malawi schon vier Mal zu einer landesweiten Hungersnot gekommen, zuletzt 2007. Seitdem hat die Regierung die Welt mit etwas beeindruckt, das als das "Wunder von Malawi" bekannt geworden ist.

Indem sie Maissaatgut und Dünger für ärmere Bauern subventionierte, gelang es der Regierung unter Präsident Bingu wa Mutharika aus Malawi, das bis dahin auf fremde Nahrungsmittelhilfe angewiesen war, ein Land zu machen, das Maisüberschüsse in Nachbarländer exportiert.

Biswicks Garten, den er als "essbaren Dschungel" bezeichnet, ist grün und gesund und seine gesamte Familie kann beinahe ausschließlich von seinen Erträgen leben.

Aber obwohl das Mais-Wunder die Antwort auf Malawis Nahrungsmittelkrise zu sein scheint, fragen sich Kritiker, wie lange Malawi solch eine Politik noch finanzieren kann, jetzt, da das Land mit großen wirtschaftlichen Problemen zu kämpfen hat. Manche meinen, dass Mais auf keinen Fall die Lösung ist, und versuchen angesichts der tiefverwurzelten Mais-Sucht der Malawier Alternativen zu finden.

Das Mais-Monopol

Kristof und Stacia Nordin kamen ursprünglich aus den USA nach Malawi, um den Kampf gegen HIV/Aids zu unterstützen, aber sie begriffen schnell, dass ihre Bemühungen einen gesunden Lebensstil und eine abwechslungsreiche Ernährung zu fördern, durch ein anderes Problem erschwert wurden.

"Das sind die sechs Nahrungsmittelgruppen, die von der Regierung gelehrt werden", erklärt Kristof Nordin, während er ein Plakat hochhält, auf dem eine große Vielfalt an Nahrungsmitteln abgebildet ist. "In Wahrheit fördern sie aber nur das", fügt er hinzu und zeigt auf den Maiskolben.

Nordin erläutert, warum Mais, der ursprünglich keine afrikanische Pflanze ist, als Hauptnahrungsmittel eine schlechte Wahl ist. "In einem tropischen Klima sollten tropische Pflanzen angebaut werden. Es gibt so viele einheimische Getreidearten, wie etwa Hirse oder Sorghum, die hier schon seit tausenden von Jahren wachsen und sich auf natürliche Weise an dieses Klima und die damit verbundenen Krankheiten angepasst haben. Tausende von Jahren haben die Malawier ohne Hilfe des Welternährungsprogramms überlebt."

Mais, der von portugiesischen Händlern zum ersten Mal in die Region gebracht wurde, gewann an Beliebtheit, als ihn britische Kolonisten nach westlichem Beispiel kultivierten. Nach der Unabhängigkeit förderte der langjährige Diktator Hastings Kamuzu Banda, für den Mais ein Symbol für Modernität und Fortschritt war, weiterhin dessen Anbau. Während dieser Zeit wurden einheimische Anbaupflanzen als einfaches Essen für arme Leute stigmatisiert.

Eine gesündere Alternative

Als Kristof Nordin seinen Garten präsentiert, fühlt man sich wie im Garten Eden: er sieht aus wie ein üppiger Dschungel voll essbarer Pflanzen und Früchte. "Als ich das letzte Mal zählte, hatten wir hier über 200 verschiedene Arten von Nahrungsmitteln", sagt Nordin. Abgesehen von Mais ernten seine Frau und er Kassaven, Yamswurzeln, Süßkartoffeln, Avocados, Passionsfrüchte und viele andere einheimische Früchte, Bohnen und Beeren. Aufgrund dieser Vielfalt können sie das ganze Jahr über verschiedenste Nahrungsmittel ernten und dies in solch einer Fülle, dass sie sie schlussendlich sogar verschenken.

Man kann kaum glauben, dass es all dies vor sieben Jahren noch nicht gab. Nordin zeigt Bilder, auf denen das Haus, als sie es kauften, von trockenem und totem Land umgeben ist. Die Methode, mit der sie das Land wieder zum Leben erweckten, ist als Permakultur bekannt. Man nutzt auf eine clevere Art und Weise die Prinzipien der Natur, ganz ohne Düngemittel oder Chemikalien. Das ist es auch, was sie anderen mit Hilfe ihrer Organisation Never Ending Food näher bringen wollen.

"Je mehr Leute denselben Weg einschlagen, desto schneller werden wir uns von unserer Abhängigkeit von Mais lösen."

Durch die Nordins lernte Luwayo Biswick die Permakultur kennen und begann einiges davon im Garten seiner Eltern umzusetzen, indem er eine Vielzahl von Nutzpflanzen bunt gemischt anbaute und den Boden mit organischen Substanzen bedeckt ließ, anstatt ihn zu säubern, wie es die anderen Bauern dort normalerweise tun.

Der Weg aus der Sucht

Die skeptischen Dorfbewohner erklärten sich den Erfolg der Nordins damit, dass diese weiß sind und Geld haben. Aber als sie sahen, dass Biswick das Gleiche erreichte, konnten sie nicht mehr damit argumentieren.

Die Beweise ließen sich einfach nicht mehr leugnen. Während die Maisfelder seiner Nachbarn  aufgrund der verspäteten Niederschläge vertrockneten, sehen die Pflanzen in Biswicks "essbarem Dschungel" grün und gesund aus und seine gesamte Familie kann beinahe ausschließlich von diesen Erträgen leben.

Wenn er gefragt wird, weshalb seine malawischen Landsleute jetzt Fremde brauchen, die ihnen diese Methoden beibringen, antwortet Biswick schlagfertig: "Dieses Wissen ist nicht neu, das ist nicht das Wissen von azungu (weißen Menschen)", sagt er. "Es war das Wissen unserer Großeltern, das aber  im Namen des Fortschritts und der Innovation verloren ging."

Obwohl die Nordins, Biswick und andere Vorreiter ihr Bestes geben, ändert sich die festgefahrene Denkweise der Bauern nur langsam. "Wenn es so einfach wäre, das Verhalten von Menschen zu ändern, gäbe es heute kein HIV und Aids mehr", fasst Kristof Nordin die Situation zusammen.

Die Regierung, internationale Spender und Saatgutunternehmen wissen theoretisch, dass eine Diversifizierung des Anbaus notwendig ist, aber in der Praxis scheint man immer noch den Mais als Allheilmittel zu sehen.

Luwayo Biswick ist jedoch weiterhin zuversichtlich. Seine Eltern sind mittlerweile restlos überzeugt und unterstützen begeistert seine neuen Ideen. Der Dorfvorsteher, der Pastor und viele Dorfbewohner folgen seinem Beispiel. "Ich bin stolz darauf, ein Vorbild zu sein und andere Menschen zu inspirieren", sagt Biswick. "Je mehr Leute damit beginnen, desto schneller werden wir uns von unserer Abhängigkeit von Mais lösen."

Übersetzung aus dem Englischen von Amela Bajrić, Milica Marković, Ivana Perišić

 andere Fremdsprachen-Versionen

SNS logo
  • Website Design