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«Ausländische Arbeitskräfte sind absolut unverzichtbar»

 Surprise (Switzerland) 11 October 2019

Herr Sheldon, im Jahr 2060 werden in der Schweiz 9 Millionen Menschen leben, davon wird rund ein Drittel über 65 Jahre alt sein: Auf 100 Erwerbstätige werden 60 Senioren kommen. Das prognostizieren Modellrechnungen des Bundesamts für Statistik. Wer wird unsere Wirtschaft dann am Laufen halten? (2107 Words) - By Mena Kost

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Herr Sheldon. Photo: Lucian Hunziker

Wo wir Arbeitskräfte herbekommen, wenn es hart auf hart kommt? Die Schweiz war schon immer erfolgreich bei der Rekrutierung von Arbeitskräften aus dem Ausland. Wir waren, sind und bleiben ein Zuwanderungsland. Ausserdem arbeiten noch immer viele Frauen Teilzeit, hier gibt es nach wie vor ein grosses brachliegendes Potenzial. Das gleiche gilt für Migrantinnen und Migranten, die nicht im Arbeitsmarkt integriert sind. Nur bei den Schweizer Männern ist kaum noch etwas zu holen. Sie sind, das zeigt ein internationaler Vergleich, bereits sehr erwerbsaktiv.

Nicht nur der Schweiz droht eine Überalterung der Bevölkerung, diese Tendenz herrscht überall in Europa vor, inklusive der Türkei. Ganz Europa könnte also bald am Rekrutieren sein.

Das ist für die Schweiz ein kleines Problem. Wir schlagen alle bei Weitem. Junge, aufstrebende Menschen mögen die Freiheiten sehr, die man in der Schweiz geniesst, sehr. Ich habe mit vielen gesprochen, vor allem aus Deutschland, sie sagen: In der Schweiz hat man mehr Eigenverantwortung und kann über alles abstimmen. Die Schweiz bietet zudem Freizeitaktivitäten, die Berge und so weiter. Zürich etwa ist sehr gefragt wegen des Freizeitangebots. Das darf man nicht unterschätzen. Die Schweiz zieht schon heute fast gleich viel gut ausgebildete Arbeitskräfte aus OECD-Ländern an wie Deutschland. Obschon Deutschland zehnmal mehr Einwohner hat als die Schweiz. Wir sind äusserst wettbewerbsfähig. Das dürfte auch in Zukunft Hochqualifizierte anziehen.

Reiner Klingholz, Direktor des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung schrieb kürzlich im «Spiegel»: «Auch China wird in rund 20 Jahren junge Arbeitskräfte brauchen, und wenn China zu rekrutieren beginnt, bleibt für das gute alte Europa nichts mehr übrig.»

Das glaube ich nicht. Wer will schon in einer solchen Gesellschaft leben? In China wird man bevormundet, zentral verwaltet. Zu wissen, dass ich keinen Google-Search durchführen kann … das kann ich mir nicht vorstellen. Die direkte Demokratie macht die Schweiz schon sehr attraktiv. Aber auch China wird sich tendenziell in diese Richtung entwickeln, sobald sich dort ein Mittelstand gebildet hat. Das wird in 20, 30 Jahren der Fall sein. Menschen, die einen gewissen Wohlstand haben, fordern Mitbestimmung.

Wir reden ja über diesen Zeithorizont. Dann wird China vielleicht doch als Arbeitgeberland attraktiv.

Aber ob die Wirtschaft Chinas dann noch boomt? Wirtschaftliche Entwicklungen sind sehr unberechenbar. Vor 20 Jahren hat man gesagt, Japan werde die Welt erobern. Tatsache ist aber, dass die japanische Wirtschaft seit 20 Jahren stagniert. Man kann nicht von der Gegenwart auf die Zukunft schliessen. Aber ja: Arbeitskräfte werden etwas knapp.

Schon heute ist die Schweiz von Fachkräften aus dem Ausland abhängig. Gleichzeitig gewinnt die politische Rechte Stimmen mit einer restriktiven Ausländerpolitik, von «Überfremdung» ist die Rede.

Die Wirtschaft hält nichts von einer restriktiven Ausländerpolitik. Wenn man die ökonomische Realität betrachtet, ist der Zuzug ausländischer Arbeitskräfte ein Muss, will die Schweiz konkurrenzfähig bleiben: Der technische Fortschritt schreitet voran. Soll er weiter voranschreiten, braucht man hoch qualifizierte Arbeitskräfte. Die hiesige Bevölkerung kann den Bedarf aber nicht decken. Also rekrutiert man im Ausland. Tut man das nicht, stagniert der Fortschritt. Das sind natürlich nur Prognosen. Aber sollten sie zutreffen, wird die Rekrutierung im Ausland für die Schweiz zu mehr Fortschritt und damit zu einem Wachstumsschub führen.

Die Unternehmen finden nicht genügend Fachkräfte im Inland?

Gegenwärtig sind ausländische Arbeitskräfte unverzichtbar. Aber der Bildungsstand der Schweizer Bevölkerung wird weiter zunehmen und vielleicht kann diese Lücke irgendwann mit inländischen Arbeitskräften geschlossen werden. Auch eine stärkere Integration der Frauen auf dem Markt könnte den Mangel an Fachkräften beheben.

Wie sollen Frauen gestärkt werden?

Es fehlt an Kindertagesstätten. Flächendeckende Kinderbetreuung wäre sehr wünschenswert. Später, im Schulalter, würde Blockunterricht helfen. Wir haben hier an der Uni eine Frauenbeauftragte. Meiner Meinung nach sollte man die Stelle streichen und eine Kindertagesstätte finanzieren. Eine Professorin kommt nicht nach Basel, weil wir eine Frauenbeauftragte haben, sondern weil wir eine Kindertagesstätte führen.

Für jeden erschwingliche Kinderbetreuungsangebote kosten Geld.

Hier können auch die Betriebe, also die Privatwirtschaft, eingreifen. Das muss nicht immer der Staat sein. Schwierig finde ich die Diskussion um die Qualifizierung der Kinderbetreuer. Man darf hier keine Hürden aufbauen, sonst schneidet man sich ins eigene Fleisch.

Ist es realistisch, dass die Privatwirtschaft selbst in die Taschen greift, um mehr Frauen in den Arbeitsmarkt integrieren zu können?

Wenn Arbeitskräfte knapp sind, ja. Aber das leichte Rekrutieren der im Ausland nimmt den Firmen den Druck. Eines ist sicher klar: Wer mit der so genannten «Überfremdung» argumentiert, muss sich für eine flächendeckende Kinderbetreuung stark machen. Das wäre auf jeden Fall eine Möglichkeit, die Arbeitnehmersuche im Ausland einzudämmen. Ich würde deshalb gerade von der SVP erwarten, dass sie sich für dieses Anliegen einsetzt.

Während die Unternehmen im Ausland Arbeitskräfte rekrutieren, zeigt die aktuelle Arbeitslosenstatistik der Schweiz: Es sind mehr als doppelt so viele Ausländer wie Schweizer arbeitslos.

Das ist schon lange so. Die arbeitslosen Ausländer von heute sind zum grössten Teil Ungelernte, die in den 1970er und 1980er Jahren ins Land geholt wurden. Bis fast 1990 betrug der Anteil an Ungelernten bei den rekrutierten Ausländern ganze 60 Prozent. Man hat ganz einfach Muskeln gesucht - Arbeitskräfte für den Bau etwa. Diese Menschen haben sich hier niedergelassen. Und heute sind sie arbeitslos. Mitte der 1990er-Jahre haben sich die beruflichen Profile der Einwanderer schlagartig verändert: Heute sind 60 Prozent der ausländischen Arbeitskräfte, die in die Schweiz kommen, Akademiker.

Bei der Schweizer Erwerbsbevölkerung macht der Akademikeranteil heute rund 15 Prozent aus. Nehmen die hoch qualifizierten Ausländer also den hoch qualifizierten Schweizern die Stellen weg?

Nein, im Ausland rekrutierte Arbeitskräfte nehmen niemandem die Stelle weg. Jede Firma sucht zuerst im Inland. Nur finden die Firmen in der Schweiz eben nicht genügend gut qualifizierte Leute.

Viele Schweizer haben aber solche Ängste. Nehmen wir die Deutschen: Es wird gesagt, sie seien besser ausgebildet, eloquenter - und daran gewöhnt, hart zu arbeiten …

Ich bitte Sie! Wo gibt es die 35-Stunden-Wochen? In der Schweiz? Nein, in Deutschland. Aber natürlich bin ich auch beeindruckt, wenn ich jemanden aus Hannover sprechen höre. Einen Minderwertigkeitskomplex muss der Schweizer deshalb aber nicht gleich bekommen.

Trotzdem: In Teilen der Bevölkerung hat sich folgender Grundtenor herausgebildet: «Solange auch nur ein arbeitsloser Schweizer herumläuft, brauchen wir keine ausländischen Arbeitskräfte.»

Das ist aber eine Milchmädchenrechnung. Wir haben hier in der Schweiz ein grundsätzliches Überangebot an ungelernten Arbeitskräften. Diese Leute sind auf dem Arbeitsmarkt aber nicht gefragt - egal ob Schweizer oder Ausländer. Die Unternehmen brauchen vor allem Fachkräfte. Ein ungelernter Schweizer kann aber keine Fachkraft ersetzten.

Weiter wird gesagt, dass stellenlose Ausländer nicht in ihre Herkunftsländer zurückkehren, sondern unseren Sozialwerken auf der Tasche liegen.

Grundsätzlich profitiert die Schweiz von ausländischen Arbeitskräften. Die meisten Neuzuwanderer sind Akademiker und zahlen überdurchschnittlich viel in die Sozialwerke ein. Aber ja, bei den IV-Bezügern sind ehemalige ausländische Arbeitskräfte überdurchschnittlich vertreten: Sie wurden vor 30 Jahren geholt, haben sich auf dem Bau den Rücken kaputt gearbeitet und sind heute nicht mehr in den Arbeitsmarkt integrierbar. Das ist kein Missbrauch unserer Sozialwerke, sie haben das gute Recht auf eine Rente.

Als Anfang dieses Jahres Konjunkturprogramme gestartet wurden, um die Wirtschaft zu stabilisieren, hat die SVP gefordert, man solle arbeitslose Ausländer wegschicken.

Die Erfahrung der 1970er-Jahre, als in der Krise Hunderttausende von Ausländern zurückwanderten, lehrt uns, dass eine solche Rückkehr bei uns die Konsumnachfrage einbrechen lässt. Das war damals massiv. Es wäre also gar nicht wünschenswert, dass arbeitslose Ausländer massenweise abwandern. Aus dem gleichen Grund ist auch Arbeitslosengeld - jetzt mal rein ökonomisch betrachtet - eine gute Sache. Das sind keine Almosen! Die ganze Gesellschaft profitiert davon, wenn die Konsumnachfrage stabilisiert wird.

Ungelernte und niedrig Qualifizierte sind unter den Arbeitslosen am stärksten vertreten. Was muss passieren, um sie für den Arbeitsmarkt fit zu machen?

Da muss ich eine ganz bittere Aussage machen: Es gibt keine Möglichkeit. Man kann nicht jemandem mit 30, der vielleicht Frau und Kind hat, eine Berufslehre verschaffen. Das wäre eine extrem teure Angelegenheit. Ich glaube nicht, dass die Allgemeinheit das bezahlen will.

Die Privatwirtschaft könnte das bezahlen.

Das können Sie vergessen. Es werden je länger je mehr gut ausgebildete Arbeitskräfte gesucht. Bis jemand Ungelerntes zum IT-Spezialisten ausgebildet worden ist, dauert es bestenfalls Jahre. Bis dahin gibt es diese Firma vielleicht schon nicht mehr.

Für jene Leute hat die Wirtschaft also keine Lösungen parat.

Eine Möglichkeit wäre, dass ungelernte Leute mit viel Berufserfahrung eine Prüfung ablegen, um ihre angelernten Qualifikationen dokumentieren zu lassen. Das würde sie für Arbeitgeber attraktiver machen. Die meisten werden sich aber mit einer Rente oder einer schlecht bezahlten Arbeit abfinden müssen. Wer heute ohne Berufsbildung die Institutionen verlässt, ist der Arbeitslose von morgen. Für die Zukunft kann man aber etwas tun: Man kann dafür sorgen, dass der Anteil ungelernter Jugendlicher, die aus dem Bildungssystem herauskommen, möglichst gering ist.

Bei den Schweizern sind heute etwa fünf Prozent der Bildungssystemabgänger ungelernt, bei ausländischen Jugendlichen 20 Prozent.

Auf den ersten Blick sieht das nicht wie ein Erfolg aus. Wenn man aber bedenkt, dass früher 60 Prozent der Ausländer ungelernt waren, hat die Secondo-Generation bereits deutlich bessere Aussichten. Aber das geht peu à peu.

Es muss also dringend in Bildung investiert werden.

Die einzig nachhaltigen bildungspolitischen Interventionen sind jene im Vorschulalter. Das zeigen Untersuchungen aus den USA, die seit den 1960er-Jahren durchgeführt werden. Kinder bildungsferner Schichten muss man sehr früh aus der Familie abholen. Mit sechs, sieben Jahren ist das bereits zu spät.

Hier wären wir wieder bei der Kinderbetreuung.

Ja, mit einer Klappe würden zwei Fliegen geschlagen. Wie kann man die Frauen stärker in den Arbeitsprozess einbinden? Kinderbetreuung im Vorschulalter. Wie kann man den Anteil Ungelernter möglichst klein halten? Kinderbetreuung im Vorschulalter. Oder noch besser: Schulpflicht bereits ab vier Jahren. Auch sehr wichtig ist die Integration der Eltern dieser Kinder. Arbeitslosigkeit ist kein Migrations-, sondern ein Schichtphänomen. Im Kampf gegen arbeitslose Ausländer ist Bildungspolitik und nicht Einwanderungspolitik gefragt.

Szenarien, die das Bildungsniveau betreffen, zeigen: Während bis im Jahr 2060 rund 60 Prozent der Schweizer eine höhere Ausbildung haben werden, erreichen unter den in der Schweiz geschulten ausländischen Kindern nur 30 Prozent eine solche Ausbildung.

Ich habe bisher keine Kosten-Nutzen-Analyse durchgeführt, aber mein Bauchgefühl sagt klar: Die Folgekosten der Nicht-Integration sind sicher höher als Investition in die Bildung. Das würde sich jetzt wirklich lohnen.

Seit Juni dieses Jahres nimmt die Anzahl der Arbeitslosen ab. Im August lag die Quote bei 3,6 Prozent, die tiefste Quote seit einem Jahr. Wird dieser Trend anhalten?

Nach meinen Zahlen: Leider nicht. Sie wird auf diesem Niveau stagnieren..

Und die Anzahl von Langzeitarbeitslosen nimmt zu. Was erhöht die Chance von Langzeitarbeitslosen, wieder eine Stelle zu finden?

Vorab: Das sind SECO-Zahlen. Mein vorauseilender Indikator zeigt, dass die Zahl der Langzeitarbeitslosen bald wieder fallen wird. Aber grundsätzlich: Ab sechs Monaten nehmen die Chancen, wieder eine Stelle zu finden, rapide ab. Am besten wird man also gar nicht langzeitarbeitslos.

Das hat man nicht immer selber in der Hand.

Wer irgendwie kann, sollte spätestens nach sechs Monaten irgendeine Stelle annehmen. Auch wenn es nicht die optimale ist. Wer im Spiel bleibt, egal wo, ist für den Markt attraktiver.

Es gibt Langzeitarbeitslose, die gar keine Stellen finden.

Ja, 20 Prozent sind nach einem Jahr noch stellenlos. Dann kommen Lohnzuschüsse, Zwischenverdienste oder Notfalls Beschäftigungsprogramme in Betracht. Am schlimmsten sind langfristige Unterbrüche in der Arbeitsbiografie.

In der Schweiz sind derzeit rund 25 000 Menschen zwischen 15 und 24 Jahren arbeitslos. Ihnen wurde durch die Annahme der AVIG-Revision die Bezugsdauer gekürzt. Was hat das für Konsequenzen?

Die Arbeitslosenquote unter Jungen ist hoch und kommt wie folgt zustande: Jugendliche sind häufig arbeitslos, meist aber nur kurz. Ich glaube, die verkürzten Bezugsdauern werden sie kaum treffen. Je jünger man ist, je schneller findet man eine Stelle. Wer hingegen 55 ist, braucht durchschnittlich eineinhalb Jahre, um eine neue Stelle zu finden. Es wäre wesentlich problematischer gewesen, bei dieser Altersgruppe die Bezugsfrist zu verkürzen.

Was empfehlen Sie: Welche Ausbildung soll ein Jugendlicher heute machen, um im Arbeitsmarkt der Zukunft gute Chancen zu haben?

Was für eine Fachrichtung man einschlägt, ist weniger wichtig - das Niveau ist entscheidend. Je höher ausgebildet, desto besser.

Zur Person:

George Sheldon (62) Professor für Arbeitsmarkt- und Industrieökonomie an der Uni Basel, gilt als Spezialist für den Arbeitsmarkt der Schweiz. Der Volkswirt, der aus den USA stammt, ist anfangs der 1970er-Jahre in die Schweiz gekommen und hat 1988 in Basel habilitiert. Bekannt sind insbesondere die von ihm entwickelten Frühindikatoren, welche die Entwicklung der Arbeitslosigkeit vorwegnehmen - und deren Richtung bisher noch nie falsch lag.

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