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Star-Philantrophen - Schwere Zeiten für schwerreiche Idealisten

 Surprise (Switzerland) 11 October 2019

Am Milleniums-Gipfel in New York meldeten sich nicht nur Staatschefs zu Wort, sondern auch Rockstar Bob Geldof: Er habe genug von leeren Versprechungen im Kampf gegen Armut, platzte dem Aktivist der Kragen. Und Bono Vox, Sänger von U2, rief kürzlich im Züricher Letzigrund – einmal mehr – zu Nächstenliebe auf. Das kommt schlecht an: Hoffnung und Liebe sind peinliche Schimpfwörter, wenn ein Rockstar sie in den Mund nimmt. Sagen die Medien. Was ist dran? Ein Essay über Zynismus, idealistische Initiativen und stinkreiche Gutmenschen. (1314 Words) - By Yvonne Kunz

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U2 Bono at Millenium Summit in New York. Photo: Keystone

«Sunday, Bloody Sunday» grölt der Verkäufer hinter seinem Wurststand ausserhalb des Zürcher Letzigrund-Stadions während des U2-Konzerts diesen September. «Wie lange müssen wir dieses Lied singen?» fragt die Band im Song aus dem Jahr 1983, der sich mit dem Nordirlandkonflikt beschäftigt. Bei dieser Zeile ist der Wurstverkäufer nicht mehr hinter seinem Stand zu halten. Er springt auf die Strasse, die Faust gegen den Himmel gereckt: «How long, how long must we sing this song?» Serbe sei er, meint der Mann später, «weisch, geflüchtet aus dem Kosovo.»

Das 27 Jahre alte Lied stellt die Band heute in den Kontext des letztjährigen Volksaufstandes im Iran, lässt dazu Texte eines iranischen Dichters in Farsi über die Bildschirme flimmern und taucht Stadien rund um den Erdball in Grün. Das ist Stadion-Aktivismus in den Kirchen der modernen Massenunterhaltung. Bewusstseinsbildung als Show. Besser als nichts, vielleicht - sicher aber ist, dass eine gefühlsschwangere, visuell ansprechende einminütige Montage eine Trivialisierung einer ungemein komplizierten Angelegenheit darstellt. Aber auch Geheimnis und Kunst von gutem Pop.

Kein Geheimnis ist, dass für U2 das überbordende Gewissen ihres Sängers Bono Vox eine Plage ist. So sicher wie das Amen in der Kirche, so sicher wie der Appell an die Nächstenliebe an einem U2-Konzert, so sicher kommt auch der Einspruch der Kritik. Es ist längst kein Geheimnis mehr, dass die gigalomanischen Ambitionen der Band, die Gestaltung der Welt und die beste Rockband derselben zu sein, am Glanz eines ansehnlichen Repertoires äusserst passabler Songs kratzen. Doch um Musik allein geht es ja eben genau nicht. «Die Musik und die politische Sendung», so konstatiert der «Tages Anzeiger» mit demselben Bierernst, den man der Band vorwirft, «sind fest eingerastert in die Verwaltung der Karriere» dieser «überaus begabten Kapitalisten». An diesem Abend seien die Menschenrechte nur noch Garnitur für das Selbstgerechte.

Mit dieser Analyse gehört der Tagi-Kritiker zum verhaltenen Flügel der U2 -Allergiker. Nachdem die Band ihren millionenschweren Songkatalog 2006 nach Holland verlegte, um die Steuerlast zu reduzieren, titelte der britische Boulevard: «St. Bono, der Scheinheilige» und ein irischer Autor nannte die Musik seiner vier Landsleute eine «Giftwolke flauschiger Rhetorik» und einen «Soundtrack für die unheilbar Selbstzufriedenen». Der Reiseautor und Afrikakenner Paul Theroux ersann 2005  in der «New York Times» eigens für den mehrfachen Friedensnobelpreisanwärter, Sänger von U2, Bono Vox, den Schlag der «Mythomanier - Menschen, die die Welt von ihrem Wert überzeugen wollen.»

Zu dieser Spezies gehören etwa Angelina Jolie, Shakira oder Britney Spears - und neuerdings auch Microsoft-Gründer Bill Gates und der Investmentbanker und Multimilliardär Warren Buffet. Die beiden sind zu Star-Philanthropen geworden, indem sie 40 Superreiche in den USA zum öffentlichen Versprechen brachten, sich mindestens von der Hälfte ihres Vermögens zu trennen - für wohltätige Zwecke, insbesondere die Ausrottung der Malaria. Unter den Mega-Spendern befinden sich New Yorks Bürgermeister Michael Bloomberg, Oracle-Mitgründer Larry Ellison oder CNN-Gründer Ted Turner. Wie beim privat fliegenden Freestyle-Diplomaten Bono, dessen Vermögen bei geschätzten 400 Millionen Franken liegt, sind auch bei dieser Gutmenschen-Parade die Widersprüche augenfällig: Ellison zeichnet sich mit seinem Anwesen im Stil eines japanischen Dorfes aus dem 19. Jahrhundert gar besonders durch masslose Extravaganz aus. Dennoch erlaubt sich auch diese illustre Runde Gutes zu tun - und redet auch noch ziemlich viel darüber. Auf ihre Ankündigung hin folgten die Unterstellungen beinahe reflexartig. Schon mit der Wahl der Stiftung als Rechtsform sei das wahre Ziel klar: Steueroptimierung. Eine PR-Aktion in eigener Sache sei das, nichts weiter. Und: eine Reinwaschung vom Reichtum als moderne Sünde. So die Zusammenfassung der vorgebrachten Argumente der schreibenden Zunft, die offenbar von der zwingenden Logik ausgeht, dass je höher das Vermögen, desto niederer die Fähigkeit zu ernst gemeintem Engagement.

Doch mit der Annahme niederer Motive entheben sich Kritiker elegant ihrer Pflicht des Nachdenkens. Indem sie sich wortreich an den Widersprüchen aufgeilen, umgehen sie die wirklich interessanten Zeitfragen. Und sie tun noch etwas Seltsames: Sie entwerfen Parameter für den glaubhaften Gutmenschen. Wer die Welt verbessern will, muss eine makellose moralische Instanz sein, hundertprozentig selbstlos und absolut bescheiden. Wer diese göttlichen Ansprüche nicht erfüllt, ist ein verlogener, selbstgefälliger Arsch und als Weltverbesserer natürlich nicht zu gebrauchen. Damit wird wahre Nächstenliebe zu etwas für einen in Sachen innerer Werte sehr erhabenen und exklusiven Kreis.

Die kleine Geste scheint im aktuellen Diskurs grösser zu sein als die grandiose: Grosse Ideen wie die UNO Millennium Development Goals oder das Klimaabkommen werden eher belächelt als bewundert. Die RED-Kampagne, die aus Konsumenten mittels Preisaufschlag auf Produkte eine für finanzielle Hilfe gegen AIDS machen will, ist nicht einfach ein Versuch, sondern von vornherein suspekt - wenn nicht gar kontraproduktiv. In der Betrachtung solcher idealistischen Initiativen strengt man sich anscheindend sehr an, nicht naiv zu sein, sondern zynisch. Das ist nicht falsch, denn der Zynismus hilft, die Dinge so zu betrachten, wie sie wirklich sind - und nicht wie sie sein sollten. Und sie sind kapitalistisch, sie sind globalisiert, sie sind schreiend ungerecht. Sie sind, wie sie sind. Und jetzt?

Ist der Zynismus vielleicht sogar die intelligenteste Antwort auf all das und vor allem auf die eigene Ohnmacht? Ist es besser auf Ungereimtheiten und Widersprüche bei den ewigen Hoffnungsvollen hinzuweisen? Ist es schlauer, in den Worten des Schriftstellers H.G. Wells, nach dem Sarg Ausschau zu halten, wenn man Blumen sieht? Ein gerüttelt Mass Zynismus ist bestimmt nicht verkehrt - sicher, geschmacksverfehlte PR-Gags im Bereich des Spendenmarketings, Wohltat als Eigenwerbung, Gutmenschentum als Marketingtool, verfehlte Hilfe: alles wahr. Doch sich gegenüber der Möglichkeit eines Wandels zu öffnen, heisst auch nicht, dass man einem unmöglichen Ideal gerecht werden muss - es ist nun mal so: Des einen Mannes Widerspruch ist des andern Scheinheiligkeit. Die abstruse Abstraktheit der globalen Ungerechtigkeit zeigt sich schliesslich nicht nur im Grossen, man erlebt sie auch regelmässig vor dem Kaffeeregal im Supermarkt. «M-Budget» oder «Max Havelaar» oder «Engagement»? Lebt irgendein Bauer in Eritrea - für den ich unermesslich reich bin - wirklich besser, wenn ich an ein Label glaube? Macht mich das zu einem besseren Menschen, und vor allem: Reicht es nicht, wenn ich im Rahmen meines eigenen Lebens Engagement zeige und Verantwortung trage?

Tut es nicht. Jegliches Engagement wird erst politisch, wenn es öffentlich ist, und dann darf - muss - es auch kritisiert werden. Doch was, wie, wann öffentlich wird, bestimmen nicht zuletzt die Massenmedien. Im grossen Mainstream ist aber eher selten die Rede von den grundsätzlichen Problemen der Überschuldung der Dritten Welt. AIDS in Afrika wird nur dann ein Thema, wenn eine Schweizerin für ihren selbstlosen Einsatz geehrt wird. Das Klima meistens dann, wenn anhand einer Katastrophe darüber gemutmasst wird, ob es ein menschengemachtes Element in dem Desaster gibt - oder eben nicht. Grosse Medienhäuser funktionieren wie das Unternehmen U2 nach kapitalistischen Regeln. In dieser Logik sind sterbende Kinder in Afrika «Old News», was gleichbedeutend ist mit «No News» (ausser es sterben genug aufs Mal). Rockstars, die das Recht hoch halten, sich mit dem Glauben lächerlich zu machen, dass Musik eine grössere Bedeutung hat, indem sie auf die sterbenden Kinder aufmerksam machen kann, sind klar «Bad News». Und die verkaufen sich besser als «Good News».

«Jede Generation hat die Chance, die Welt zu verändern!», ruft Bono seinem Publikum in Zürich zu. «Stimmt nicht», ruft ein Teenager, der neben dem Wurststand steht, trotzig unter seiner  Kapuze hervor. «Oh doch!», widerspricht ihm der Wurstverkäufer energisch. «Auch Du!»

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